Interview: Interview- Zu Besuch bei Kunst-Stoffe

Seit 2006 versucht „Kunst-Stoffe“ kreative Wege zu finden, gebrauchte Materialien wieder zu verwenden und umzuverteilen. Die Initiative hat sich inzwischen mit ihrem breiten Angebot als second-Hand Baumarkt etabliert. Der BUND Berlin hat sich mit Corinna Vosse, der Initiatorin getroffen:

Hallo Corinna!

Zu Beginn kannst du vielleicht einen Abriss von Kunst-Stoffe geben. Wie bist du denn auf die Idee gekommen?

Ich habe in den 90ern in New York als Künstlerin gearbeitet und habe dort eine Einrichtung kennen gelernt, die sich mit der Weitergabe von gebrauchten Materialien beschäftigt- „Materials for the Arts“. Das ist eine Initiative, die Materialien, Möbel und Einrichtungsgegenstände aus Insolvenzen, an Schulen und öffentlichen Einrichtungen weitergegeben haben. Aber Schwerpunkt mäßig Material für künstlerische Arbeiten bereitstellen.

Im Jahr 2000 bin ich dann wieder zurückgekommen und habe das RAW mit aufgebaut, wobei ich Frauke Hehl kennen gelernt habe. Da es eine solche Initiative bis dato nicht gab, haben wir die Idee aus Amerika aufgegriffen und Kunst-Stoffe erschaffen.

 

Zurück zur Gegenwart. Welche Materialien nehmt ihr denn auf? Und  woher bezieht ihr sie?

Das ist tatsächlich die ganze Bandbreite, wie man sie im Baumarkt findet. Also, alles was im Baugewerbe eingesetzt wird. Da fallen auch Reste an und diese nehmen wir entgegen. Meistens sind es Firmen und allgemein Netzwerke, über die wir entsprechende Materialien bekommen und aufnehmen.

Das sind dann Materialien, die nur kurzfristig genutzt werden, z.B. auf einer Messe oder an einem Film Set- und die nehmen wir dann entgegen.

 

Welche Kunden kommen zu euch und welche Zielgruppe sollte noch erschlossen werden um gebraucht Materialien besser zu nutzen?

Analog zu „Materials for the Arts“ sind es hauptsächlich Kunstschaffende. Allerdings hat Deutschland eine große Baumarkt Kultur, wobei in der klassischen mittelständischen Familie der Mann als Heimwerker das Haus und den Garten gestaltet. Zeitgleich wächst die Akzeptanz für Gebrauchtmaterialien und das Bewusstsein für die Notwendigkeit, Nachnutzungskaskaden anzuschließen, wächst. Grundsätzlich führt diese Entwicklung auch zu einer Diversifizierung des Kundenstamms.

 

Was sind die größten Herausforderungen eines größeren Erfolges für Initiativen wie Kunst-Stoffe?

Was wir wertschätzen, hat viel damit zu tun, was wir dafür bezahlen. Wir sind es, in einer monetisierten Ökonomie, gewohnt die Dinge an ihrem Geldwert zu bemessen. Gleichzeitig spielt auch die Beschaffungsaufwand eine Rolle, aber der ist ja gering in einer Marktlandschaft, in der man alle 5 Kilometer einen Baumarkt hat.  Insofern sind dies ungünstige Voraussetzungen für eine Initiative wie Kunst-Stoffe. Auf der anderen Seite gibt es sehr viel Journalismus, der mit den richtigen Studien und Bildern, auch Bewusstsein unter Konsumenten generiert. Ich denke in Sachen Umweltbildung ist noch viel zu tun.

Allerdings können wir unmöglich alle Materialien, die in der Werbebranche anfallen, weitervermitteln. Das sind einfach zu viele. Deshalb sollten geschlossene Kreisläufe verpflichtend sein, oder auch ein Werbeverbot im öffentlichen Raum. Ich denke, dass erst einmal Ordnungspolitisch eingegriffen werden sollte z.B. vermehrt Steuern auf die Entsorgung erhoben. Und zuletzt kann dann der ökologisch denkende Mensch eingreifen.

Was würdest du also verändern, wenn du Bürgermeisterin wärst? Wie sieht deine Stadt der Zukunft aus?

Leider sind auch im Amt der Bürgermeisterin die Möglichkeiten enorm eingeschränkt. Ordnungspolitisch, hat man aber dennoch ein paar Chancen nachhaltig etwas zu verändern. Ich würde den städtischen Verkehr angehen, mit einer umfassenden Bevorzugung des Radverkehrs, mit dem Ziel innerhalb von fünf Jahren den MIV(Motorisierter Individual Verkehr) aus dem Berliner „Ring“ zu vertreiben.

In öffentlichen Kantinen wäre nur noch ein Fleischgericht pro Tag erlaubt und zwar zu den wahren Kosten des Fleischkonsums, mit einem zusätzlichen Aufschlag, um das vegane Gericht zu subventionieren.

Die Beleuchtung des Öffentlichen Raums würde ich auch einschränken. An manchen Orten komplett entfernen und ansonsten nur ausleuchten, wenn tatsächlich Bedarf da ist.

In Bezug auf die Weiternutzung von Materialien würde ich dezentrale Lagerstätten auf bezirklicher Ebene, analog zur Infrastruktur einrichten. Und diese Lagerstätten in der Material Beschaffung zu bestärken, in dem die Unternehmen sehr viel höhere Preise für die Entsorgung von Materialien zahlen müssten. Neben den Push Faktoren, dann noch einmal eine Pull- Politik, in dem man Container für das getrennte sammeln von gebrauchten Materialien in jedem Berliner Bezirk an verschiedenen Stellen bereitstellt.

Man könnte auch noch den Neubau von weiteren Baumärkten im innerstädtischen Bereich blockieren.. und zusätzlich auch den außerhalb des Ringes stoppen. Denn dort will man ja auch keinen weiteren Zubau von Grünflächen.

 

Das ist eine schöne Vision in der ich auch gerne leben würde. Darauf aufbauend noch eine letzte Frage. Wo siehst du Kunst-Stoffe in den nächsten Jahren?

An der ein oder anderen Stelle wird nun schon aktiv daran gearbeitet „meine“ Vision zu erfüllen. Beispielsweise in der Aussetzung der indirekten Subventionierung von Fleisch. Man sollte einfach stärker an den Strukturen arbeiten. Also nicht darüber meckern, dass die Leute aufhören sollen zu viel Fleisch zu essen, denn wenn es billig ist und gut schmeckt, gibt es wenig Anreize dafür.

Im Verkehr gibt es ähnliche Bewegungen. Und insofern sehe ich Kunst-Stoffe als Partner der Politik und ein Modell für nacharmer im Sinne der „good practice“. Und außerdem als Angebot für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

 

Ich danke dir sehr für deine Zeit und das anregende Gespräch!