Initiative des Monats: Leila, die Bibliothek der Dinge

Ob Buch, Backautomat oder Campingzelt: Waren zu produzieren kostet Ressourcen wie Wasser, Energie und Rohstoffe. Diese sind bekanntermaßen auf unserem Planeten Erde nicht endlos verfügbar. Eine einfache Idee um verantwortungsbewusst mit unseren Ressourcen umzugehen, ist es Dinge nicht immer neu zu kaufen  sondern stattdessen zu leihen. Den überwiegenden Teil unseres Hab und Guts im Haushalt nutzen wir nur wenige Minuten im Jahr. Trotzdem horten wir viele Gegenstände-viele davon völlig ungenutzt-in unseren Regalen, Schubfächern und Kellern. Der Leila Leihladen in Prenzlauer Berg möchte dieser Entwicklung etwas entgegensetzen.
Wer die Fehrbeliner Straße entlang läuft kann den Laden eigentlich kaum verpassen. Auf dem Fußweg steht eine Kleiderstange voll mit bunten Shirts und Wintermänteln an der das Schild  „geschenkt“ hängt. Daneben steht ein Aufsteller auf dem Einem groß die Letter des Leila willkommen heißen. Die ganze Fülle des Warenangebots erschließt sich jedoch erst, wenn man den Laden im Souterrain des Nachbarschaftszentrums betritt. 
Der Eingangsraum des Leila  in dem auch der Anmeldebereich eingerichtet ist, ist eigentlich ein Umsonstladen. Alle Dinge die hier einsortiert sind (hauptsächlich Kleidung, Bücher und Krims Krams)können umsonst mitgenommen werden.  Neben Kleiderstangen voller Anziehsachen und Regalen voller Bücher stehen ein Sofa und ein Tisch. Denn in den Leila kommt man auch um sich auszutauschen. Es herrscht ein reges Treiben.  Menschen die nur mal so gucken wollen, wechseln sich ab mit Menschen die gezielt mit vollen Beuteln vorbeikommen, um ausrangierte Klamotten oder Bücher zu spenden. Diane, ehrenamtliche Helferin im Leila, beschreibt die „Kundschaft“ wie folgt:
„Die Besucher lassen sich eigentlich nicht einer bestimmte Klientel zuordnen. In unseren Laden kommen Familien aus der Nachbarschaft, ebenso wie Geflüchtete und Punks und ökologisch motivierte Menschen. Manchmal beobachte ich eine gewisse Hemmschwelle anscheinlich gut verdienender Prenzlauer Berger aus der Nachbarschaft, unseren Laden zu betreten. Sind sie dann jedoch einmal drin, finden sie das Konzept toll. Nicht wenige kommen dann wieder und bringen Sachen mit“

Der Leih-Bereich: Ein Refugium für Schatzsucher:

Der eigentliche Leih-Bereich befindet sich in den Räumen hinter dem Umsonstladenbereich. Ein großes Schild weist die Besucher darauf hin, dass ab der Türschwelle nun der Leihbereich beginnt.
An den Wänden steht Regal an Regal dicht gefüllt mit Gegenständen aller Art. Schnell erkennt man, alle Dinge sind sortiert: in einem Regal stapeln sich nur Brettspiele in einem
weiteren Regal sind Teller, Tassen untergebracht. Wer jedoch die Aufgeräumtheit und Warenästhetik eines Warenhauses erwartet ist hier fehl am Platz. Es herrscht eher ein liebevoll kontrolliertes Chaos. Die Gegenstände sind bis dicht an die Decke gestapelt, manchmal muss man erst einen Gegenstand wegschieben um die dahinter liegenden Schätze zu entdecken. Erst auf dem zweiten Blick erkennt man, dass jedem Gegenstand ein Zettel mit einer Leih-Nummer anhaftet. Und hier wird einem bewusst, der Leihladen funktioniert im Grunde wie eine Bibliothek. Ähnlich wie in einer Bibliothek, bei der man manchen Büchern durch Notizen auf den Seiten oder abgeknickten Ecken ansieht, dass dieses Buch durch verschiedene Hände gegangen ist, ist es auch mit dem Leilasortiment. Jeder Gegenstand trägt eine Geschichte in sich. Eines haben alle Gegenstände im Leila jedoch gemein: Sie wurden von ihrem Vorbesitzer dem Leihpool des Vereins gespendet. 

Mitglied werden: denkbar einfach.
 
Einen Gegenstand einmalig dem Leihpool hinzuzufügen ist Grundvoraussetzung um Mitglied im Leila zu werden und selber Dinge leihen zu dürfen. Alternativ oder ergänzend kann man für mindestens einen Euro pro Monat auch eine Mitgliedschaft erhalten. Festgelegte Leihfristen gibt es nicht. Die Leihzeit wird individuell vorher ausgemacht. Es gibt keine unangenehmen Mahngebühren wie in einer richtigen Bibliothek. Auf bestimmte Gegenstände mit hohem Anschaffungspreis wird ein Pfand erhoben.
Der Mitgliedsbeitrag dient in erster Linie dazu, die Miete des Ladens abzudecken. Die Arbeit wird von den rund acht Ehrenamtlichen geleistet. Aktuell wird der Leila auch von Clemens, der sein freiwilliges ökologisches Jahr absolviert, tatkräftig unterstützt.

The most important things are´nt things

Gegründet wurde Leila von Nikolai Wolfert im Jahr 2011. Fasziniert vom ersten Umsonstladen dem Ula an der TU Berlin und anderen Tausch- und Verschenkinitiativen wie der Facebookgruppe „freeyourstuff“ und den immer mehr sichtbaren Verschenkkisten im Stadtbild, entwickelte er die Idee zum Leila.
Der studierte Soziologe Nikolai freut sich über einen Bewusstseinswandel in Teilen der Gesellschaft.
„ Der Wandel ist kaum zu übersehen und wir können überall von ihm lesen. Trends wie „degrowh-Bewegung, Minimalismus und die Diskussion um Suffizienz zeigen, dass sich etwas verändert. "The most important things are´nt things" das wird vielen Menschen gerade wieder bewusst.“
Auf die Frage, ob es besondere Schwierigkeiten und Herausforderungen bei der Gründung des Ladens gemeistert werden mussten, antwortet Nikolai:
„ Die Unterstützung von Gleichgesinnten und die Begeisterung für die Idee ist elementar um solche neuen Initiativen auf die Beine zu stellen. Wenn du schnell gehen willst geh alleine, wenn Du weit kommen willst geh in einer Gruppe." Und fügt hinzu „Die Bewegung des Teilen und Tauschens ist Teil einer größeren Idee. Die Idee eines besseren Lebens in Einklang mit der Umwelt und auch die Idee eines neuen gemeinschaftlichen Handelns. Diese Bewegung steckt
noch in den Kinderschuhen und entwickelt sich gerade. Der typisch deutschen Anspruch alles auf Anhieb perfekt zu machen ist hier fehl am Platz. Wer irrt der strebt. So sehen wir auch den Leila als ein Projekt das sich täglich weiterentwickelt und sich ausprobiert.“ 
Teilen und tauschen für alle?
Warum kaufen die Menschen so viele Dinge ohne sie wirklich oft zu nutzen. Warum tauschen wir dann eigentlich nicht alle? Nikolai überlegt und sieht das Problem in uns modernen Menschen:
" Viele Menschen kaufen gerne Dinge für den Fall das sie sie irgendwann einmal brauchen. Es gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle.  Das Prinzip des Tauschens dagegen basiert auf Vertrauen. Um die Idee des Tauschen und Teilens größer werden zu lassen, brauchen wir eine Vertrauensbasis auch unter Fremden. Daran fehlt es heute aber im Allgemeinen. Das erfordert auch viel Sozialkompetenz. Diese Art Vertrauen kann aber wiedererlernt werden, wir brauchen nur Übung und Erfahrung"
Initiativen wie der Leila aber auch Fairleihen, Pumpipumpe sind da gute Beispiele wie Menschen Vertrauen üben und erfahrbar machen. 
Wer selber gerne mehr teilen und weniger neu kaufen und besitzen möchte, der kann sich eine einfache Frage selber stellen: Wie viele Gegenstände besitze ich eigentlich und wie viele habe ich in den letzen 365 Tagen gar nicht oder nur einmalig genutzt? Dinge die man zu selten oder gar nicht benutzt, kann man dann dem Leila-Leihpool spenden.
 Dauerbrenner im Leila sind spezielle Küchengeräte. Diane, ehrenamtliche Helferin meint: "Wir freuen uns immer über Zuwachs in unserer Küchengeräteabteilung. Elektrisches Schneidemesser, Entsafter, Donutmaker alle Diese Dinge werden oft gebracht und auch oft geliehen. Was wir auch immer gut gebrauchen können sind Bügeleisen oder spezielle Werkzeuge wie Bohrmaschinen."
Eine Liste an Gegenständen die geliehen werden können befindet sich auch online. Wer also demnächst mal wieder den Wunsch verspürt etwas neu zu kaufen, dem sei geraten ein Blick in den Leila zu werfen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird man in dieser einmaligen Bibliothek der Dinge fündig. Und das ganz ohne, dass dafür neue Rohstoffe und Energie verbraucht wurden und zukünftiger Abfall entsteht.