Zero Waste Blog: Abfallarmes Bauen

Die Berliner Bauwirtschaft boomt, das sieht man an jeder Ecke. Doch was passiert eigentlich mit den Abfällen, die beim Bauen und vor allem beim Abreißen entstehen? Bislang wird nur ein kleiner Teil sinnvoll wiederverwendet. Doch es gibt immer mehr Initiativen für Kreislaufwirtschaft beim Bauen. Ihr Ziel: wertvolle Rohstoffe bei Neubauten sparen und die Menge des zu beseitigenden Schutts verringern.

Nächste Woche ist Frühlingsbeginn, was für viele Hauptstädter*innen bedeutet, einen Spaziergang ins Grüne zu unternehmen. Für abfallpolitisch Interessierte könnte der etwas makabre Ausflugstipp lauten: Entdeckt das Müllparadies Brandenburg! Neben 30 offiziellen Deponien, die der Industrieemissionsrichtlinie unterliegen,[1] „locken“ 132 illegale Deponien.[2] Seit den Neunzigerjahren gilt Brandenburg als das Eldorado der Müllmafia: verlassene Militärgelände, ehemalige Sandgruben und nicht mehr genutzte LPG-Anlagen verstanden kriminelle Entsorgungsbetriebe als Einladung, gefährliche Abfälle verschiedenster Herkunft heimlich zu verscharren. 2016 schätzte die Landesregierung die Menge illegalen Deponien auf 1,6 Millionen Tonnen allein auf den Flächen, für die das Landesumweltamt zuständig ist – dazu kommen weitere im Verantwortungsbereich des Bergbauamts.[3] Auch in den letzten Monaten wurden neue illegale Abfallablagerungen bekannt. Wer gezielt danach sucht, hat vielleicht „Glück“ und findet weitere wilde Deponien beim Frühlingsspaziergang …

Einer der größten Fälle betraf 50.000 Tonnen Bodenaushub und gemischte Bauabfälle in der Prignitz.[4] Dass Bauabfälle einen großen Teil der illegal beseitigten Abfälle ausmachen, ist typisch, denn bundesweit fallen jährlich 80 Millionen Tonnen Bauabfälle an. Das entspricht 60 Prozent des gesamten Abfallaufkommens.[5] Dabei handelt es sich um eine äußerst heterogene Gruppe von Stoffen: Sand und Erde aus dem Aushub, Steine, Beton, Keramik, Fliesen, behandelte und unbehandelte Hölzer, Glas, Metall, Geräte samt Kabel und jede Menge Verbundstoffe.

Verwertung heißt Downcycling

Davon gilt nur ein Zehntel der Bauabfälle als zu beseitigender Müll, den es zu deponieren gilt. Neun Zehntel dagegen werden verwertet, so die offiziellen Zahlen.[6] Was aber bedeutet „verwertet“? In den allermeisten Fällen handelt es sich um krasses Downcycling. Bauschutt findet Verwendung bei der Absicherung von alten Deponien, bei der Verfüllung von Abgrabungen, beim Straßenbau und bei der Lärmdämmung.[7] Ein dritter Zyklus ist dann in der Regel ausgeschlossen. Altholz und Dachpappe werden „energetisch verwertet“, also verbrannt.[8]

Auch für diese wenig anspruchsvolle „Verwertung“ gilt es die Verbund- und Störstoffe auszusortieren. Allein in Berlin kamen im Jahr 2017 63.000 Tonnen gefährliche nicht mineralische Stoffe pro Jahr (2017): belastetes Altholz, Dämmstoffe, Kunststoff und Glas[9]. Doch es lohnt sich, nicht nur diese gefährlichen Stoffe auszusortieren, sondern beim Abriss weitgehend sortenrein zu sortieren. Denn dann lassen sich Gips, Ziegel und Beton durchaus zu Rezyklaten verarbeiten. Dass dies gut funktioniert, zeigen Erfahrungen aus anderen europäischen Staaten. In Schweden wird Gipsrecycling schon seit 2003 praktiziert, im Jahr 2015 gingen über 17.000 Tonnen Gips in die Wiederaufbereitung. In Frankreich, wo die Gipsproduzenten 2008 eine entsprechende freiwillige Vereinbarung unterschrieben, wurden 2012 rund 50.000 Tonnen Gips recycelt, für 2020 sind 245.000 Tonnen angepeilt, das entspricht 70 Prozent des recyclingfähigen Gipsaufkommens.[10]

Es geht auch um Landschaftsschutz

In Berlin, wo 2016 noch sämtliche Gipsabfälle zur Beseitigung auf Deponien landeten, hat die Senatsumweltverwaltung inzwischen ein Netz von Gipsabfallannehmestellen organisiert. [11] Die hier eingesammelten Abfälle werden zum Recycling in ein Gipswerk in der Nähe von Leipzig gebracht. Dieses Umsteuern kommt keineswegs zu früh, schließlich steht die künftige Versorgung der Bauindustrie mit Gips vor Herausforderungen. Wenn es sich nicht um Naturgips handelt, entsteht der Stoff als Nebenprodukt der Rauchgasentschwefelung bei der Kohleverstromung.[12] Mit dem Kohleausstieg wird damit Schluss sein. Daher fordert die Baubranche jetzt schon den vermehrten Abbau von Naturgips. Dies ist wiederum aus Naturschutzsicht problematisch. So bedroht der Gipsabbau im thüringischen Südharz, einem der wichtigsten Gipsabbaugebiete, eine artenreiche Karstlandschaft.[13]

Auch beim Beton ist der Einstieg in die Kreislaufwirtschaft dringend nötig. Lange Zeit kam recycelter Beton (RC-Beton) nur beim Straßenbau zum Einsatz. Doch seit einigen Jahren strebt der Berliner Senat an, bei öffentlichen Hochbaumaßnahmen RC-Beton zu verwenden.[14] Als Pilotprojekt diente der Neubau des Forschungs- und Laborgebäudes der Lebenswissenschaften der Humboldt-Universität in der Philippstraße (Mitte). Bilanz: Energieeinsparung von 66 Prozent bei Herstellung und Transport von RC-Beton gegenüber konventionellem aus Kies.[15]

Politische Lenkung ist gefragt

Fachleute gehen davon aus, dass sich mindestens zehn Prozent des heute verwendeten Betons im Hochbau durch RC-Beton ersetzen ließe.[16] Wie die Politik dieses Vorgehen fördern kann, zeigen zwei Beispiele aus Nachbarstaaten. In der Schweiz macht die relativ hohe LKW-Maut längere Transporte per LKW unattraktiv, sodass Bruchbeton dort recycelt wird, wo neues Baumaterial gebraucht wird, nämlich in den Städten. Die Niederlande wiederum haben den Einsatz von RC-Beton im Straßenbau verboten, um das Material in den Hochbau umzulenken.[17]

Beton und Gips zu recyceln, ist aber nur ein Aspekt beim nachhaltigen Bauen. Ein anderer, derzeit leider vernachlässigter ist das konsequente Wiederverwenden von Bauteilen: Doppelkastenfenster, Türen, Türrahmen, Heizkörper, Waschbecken – all dies hat einen zweiten Einsatz verdient. Dazu brauchen wir flächendeckend Einrichtungen, die gebrauchte Einzelteile lagern und an Bauherr*innen vermitteln: Bauteilbörsen.[18] Bundesweit gibt es davon nur eine Handvoll. Allerdings waren es schon einmal mehr, denn bis 2012 wurden Bauteilbörsen als Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte gefördert. Als die Förderung endete, mussten etliche zusperren.[19]

In der Region Berlin-Brandenburg gibt es immerhin noch eine Bauteilbörse, nämlich in Luckenwalde (Kreis Teltow-Fläming). Angesichts des Berliner Baubooms reicht diese eine Einrichtung allerdings nicht aus. Apropos Bauboom: Das oben erwähnte HU-Gebäude ist nicht das einzige vorbildliche in Berlin. Aktuell entsteht im Weddinger Sprengelkiez ein Wohnhaus komplett aus nachwachsendem Rohstoff: aus Holz – und nicht als kleine Bretterbude oder windschiefe Waldhütte, sondern als innenstadtüblicher Geschosswohnungsbau.[20] Das ist unser aktueller Ausflugstipp für alle, die keine Lust auf Müllkippenbesichtigungen haben.