Zero Waste Blog: Notdurft in Zeiten der Pandemie

Geht es auch ohne Klopapier? Diese Frage müssen sich nun einige Menschen stellen, die Opfer der Hamsterkäufe geworden sind. Die Antwort lautet ja. Und vermutlich ist es sogar hygienischer und umweltfreundlicher.

„Er is zo veel wc-papier, we kunnen tien jaar poepen!“, erklärte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte letzte Woche.1 Das dürfte wohl auch für die meisten anderen Industrieländer gelten. Wir alle haben genügend Klopapier, um zehn Jahre zu kacken, wie sich Rutte wortwörtlich übersetzt auszudrücken beliebte. Nur ist es offenkundig etwas ungleich verteilt, wie nicht wenige von uns beim Einkaufen feststellen konnten. Klopapierhamster*innen sind zwar eine neu entdeckte, aber global vorkommende Unterart des Homo sapiens. Beschrieben wurden sie nicht nur in Deutschland und Niederlande, sondern unter anderem auch in Großbritannien, USA, Australien, Japan und Hongkong.2

Was die einen horten, fehlt den anderen. Und wonach greifen diese nun nach dem großen Geschäft? Offensichtlich gern zu Feuchttüchern und Küchenpapieren, wie die Abwasserentsorger in mehreren kalifornischen Städten dieser Tage feststellten, als ihre Leute mehr Verstopfungen in den Kanälen und Pumpen als gewöhnlich beseitigen mussten.3 Besondere Schwierigkeiten bereitet feuchtes Klopapier, das in den USA als „flushable“ (herunterspülbar) verkauft wird, sich im Gegensatz zu herkömmlichen Klopapier auch über einen längeren Zeitraum im Wasser aber nicht auflöst.4

Nur Klopapier darf ins Klo

Auch in Berlin haben die Wasserbetriebe schon vor längerer Zeit vor feuchtem Klopapier und anderem Vliestextilien gewarnt, die die Pumpwerke lahmlegen.5 Feuchttücher verbinden sich im Abwassersystem zu langen Strängen, erklärt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe: „Diese Zöpfe können meterlang sein und so dick wie die Oberschenkel eines Gewichthebers“.6 Ebenso fatal wirken Windeln, alte T-Shirts und sonstige Textilien, wenn man sie in der Toilette herunterspült.

Eine einfache und naheliegende Alternative zum Klopapier ist natürlich normales Papier – glücklich, wer noch eine Tageszeitung abonniert hat. Es darf allerdings nicht in die Toilette geworfen werden, sondern muss im Restmüll entsorgt werden. Ein täglich zu leerender Extramülleimer im stillen Örtchen ist hierzulande gewöhnungsbedürftig. In Griechenland und vielen Ländern Südamerikas ist er jedoch Standard, weil die Abwasserrohre dort vergleichsweise schmal und nur für Wasser und Fäkalien ausgelegt sind.7

Bringt die Corona-Krise neue Klogewohnheiten?

Im Nahen und Mittleren Osten haben nur die wenigsten Menschen Verständnis für die gegenwärtige Klopapierkrise des Westens, schließlich hat die Intimwäsche mit Wasser nach dem Toilettengang dort eine lange, auch religiös begründete Tradition.8 Auch wenn Toilettenpapier heute im arabischen Raum nicht unüblich ist, findet sich doch in nahezu allen Badezimmern eine „Popodusche“.9

Diese mischt allerdings langsam auch den europäischen Toilettenmarkt auf. In der Schweiz verfügten 2017 schon acht Prozent der Haushalte über ein Dusch-WC.10 Das war bevor der von Panik getriebene Hamstermob die Regale leerte. Der jetzige Engpass könnte positive Folgen haben, besteht das Objekt der Begierde doch allzu oft aus Frischfaserpapier, das mit großem Energieaufwand für einen kurzen, schmutzigen Moment produziert wird. Während die Altpapierverwertungsquote insgesamt zwischen 1990 und 2018 von 49 Prozent auf 76 Prozent gestiegen ist,11 sank sie ausgerechnet beim Toilettenpapier von 77 Prozent im Jahr 2001 auf 51 Prozent im Jahr 2012.12

Sollten wir nun not(durft-)gedrungen nach Alternativen für die 20.805 Blatt Klopapier suchen, die wir in Deutschland durchschnittlich im Jahr runterspülen,13 wäre das nicht die schlimmste Folge der Corona-Pandemie.