Zero Waste Blog: Jetzt den Verpackungsmüllvirus eindämmen!

Wer seine Lieblingsrestaurants unterstützen will, nimmt Essen mit nachhause. Das bedeutet aber nicht, Einwegverpackungen in Kauf nehmen zu müssen. Immer mehr Initiativen und Unternehmen arbeiten am Aufbau von Mehrwegsystemen in der Gastronomie. Und sehr viele Lokale in Berlin haben überhaupt nichts dagegen, wenn die Kund*innen mit eigenen Gefäßen zu Essenfassen kommen.

Es ist schon eine unfaire Volte der Geschichte. Weltweit boomen coronabedingt die Lieferdienste für Essen, doch ausgerechnet Dabbawalas, die schon seit 1890 ein ausgeklügeltes und ökologisch vorbildliches System betreiben, sind momentan zur Untätigkeit verdammt. Mitte März mussten die rund 5.000 Kuriere,1 die etwa 200.000 Bürobeschäftigte im indischen Mumbai jeden Werktag mit Essen beliefern,2 aufgrund der Ausgangsbeschränkungen ihre Arbeit komplett einstellen und sind nun selbst von Hunger bedroht.3

Normalerweise funktioniert das System Tag für Tag so: Die Dabbawalas sammeln vormittags Lunchboxen (sog. Dabba) in den vornehmen Stadtteilen ein, wo diese von Hausangestellten oder Familienangehörigen befüllt worden sind, und bringen sie per Fahrrad oder mit Tragegestellen zur nächsten Haltestelle der Vorortbahn. Dort werden die Boxen palettenweise in den Gepäckwagen geladen. Eine individuelle Buchstaben-, Zahlen- und Farbkombination sorgt dafür, dass jede einzelne Box am richtigen Bahnhof um- oder ausgeladen und schließlich dem richtigen Dabbawala für die Endzustellung übergeben wird. Die Fehlerquote liegt bei etwa 1:6.000.000. Pünktlich um 12:30 Uhr stehen die 200.000 Lunchboxen auf den Tischen, um dann im Lauf des Nachmittags eingesammelt und von den Dabbawalas in die Haushalte zurückgebracht zu werden.4

Einweg lässt sich nicht ökologisieren

Klar: Das hinter dem Dabbawala-System stehende Rollenverständnis mag durchaus fragwürdig sein. Doch neben der hundertprozentig autofreien Logistik fasziniert die Tatsache, dass bei der Belieferung von 200.000 Menschen kein Gramm Verpackungsmüll anfällt. Davon sind wir in Europa doch noch sehr weit entfernt: Allein in Deutschland fielen einer vom NABU beauftragten Studie zufolge 2017 346.419 Tonnen Abfall aus Einweggeschirr und To-go-Verpackungen an.5 Bezogen auf das Gewicht bestanden 64 Prozent aus Papier, Pappe und Karton, 30 Prozent aus Kunststoff, 4 Prozent aus Aluminium und 1 Prozent aus Naturmaterialien. Den Anteil der Naturmaterialien zu erhöhen, ist keine Option, denn für so viel nachwachsende Rohstoffe fehlen die Acker- bzw. Plantagenflächen. Zudem stünde diese Produktion in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion und zu der Notwendigkeit, zumindest ein bisschen Wildnis zu bewahren.

Es gibt also keine Alternative zu Mehrwegsystemen, wenn irgendeine Form von Takeaway oder Essenslieferung möglich sein soll. Und wann, wenn nicht jetzt, wäre der richtige Zeitpunkt, um es einzuführen? Oder spricht der Infektionsschutz gegen Mehrweg beim Abholen oder Liefernlassen? Der Lebensmittelverband, dem Unternehmen und Verbände aus Nahrungsmittelherstellung, Handel und Gastronomie angehören, hier keine Probleme – weder in Supermärkten noch in Restaurants.6 Welche Hygieneregeln die essenausgebenden Unternehmen dabei einhalten sollen, hat der Verband in drei Merkblättern samt Lehrvideos veröffentlicht.7 Der Einsatz von eigenen Gefäßen beim Takeaway hat in Berlin übrigens auch amtlichen Segen. Das Bezirksamt von Mitte ruft ausdrücklich dazu auf, eigene Mehrwegbehälter zu nutzen.8 Zusammen mit dem Verein LIFE e.V. will es alle, die in Mitte wohnen, arbeiten oder Business betreiben, dazu bringen, weniger Einwegverpackungen beim Außer-Haus-Konsum zu benutzen.9

Die Krise macht erfinderisch

Tatsächlich wachsen mit der Corona-Krise nicht nur die Verpackungsmüllberge, sondern auch die Bemühungen, genau dagegen etwas zu tun. Ursprünglich im Rheinland gegründet, vernetzt das Portal mersineins.de Kund*innen und Restaurants in Stuttgart, München, Bonn, Heinsberg und Köln.10 In Berlin sind in dieser Selbsthilfeinitiative bislang zwei Lokale dabei. Sie alle nutzen das Mehrwegsystem Vytal.11 Das Schweizer Unternehmen Recircle12, das bundesweit Restaurants mit Mehrweggeschirr ausstattet, hat sich mit dem Lieferdienst Holy Bowly aus Regensburg13 zusammengetan, der ausschließlich pflanzliche Gerichte und nur per Fahrrad ausliefert. In Berlin gehören derzeit acht Restaurants zu ihren Partnern. Die Plattform circular.berlin listet weitere sechs Lokale auf, die ohne Einwegverpackung Essen abgeben oder ausliefern.14

Einen anderen Weg zu Zero Waste bei der Außer-Haus-Verpflegung geht die Kampagne „Essen in Mehrweg“. 15 Sie verleiht Unternehmen in Berlin Kisten mit diversen Mehrweggefäßen, mit denen die Belegschaften ausprobieren können, wie der Lunch der umliegenden Imbisse ohne Einwegverpackung schmeckt. Außerdem unterstützt die Initiative gastronomische Betriebe, die ihre Kundschaft zum Mehrweg-Takeaway ermuntern wollen, und rüstet einzelne Lokale mit Behälterleihsystemen aus.

Foto: Joe Zachs, unter Creative Commons „Namensnennung 2.0 generisch“ veröffentlicht. Der Bildausschnitt wurde verändert. https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de

1 Das Gendersternchen fehlt hier mit Absicht, es sind tatsächlich ausschließlich Männer.

14 https://circular.berlin/community/covid-19-community-support/#1584886677512-05d40add-6dcc (im Tabellenfenster den Reiter „Order food from sustainable partners“ wählen