Zero Waste Blog: „Als Inhaber muss ich aufpassen, sie nicht selbst aufzuessen“

Unverpackt Berlin -  Steffen Lippert & Sybille Benke in ihrem Laden in Berlin-Friedrichshagen                                                                        Copyright: Christian Kielmann, www.herr-kielmann.de, kielmann@web.de, +491704857125

Steffen Lippert von „unverpackt berlin“ in Friedrichshagen über Hygienekonzepte, 15-Kilo-Packungen und Cashewkerne mit Rosmarinwürzung

Steffen, du hast mit deiner Partnerin Sybille Anfang Mai einen Unverpacktladen im äußersten Südosten Berlins eröffnet. War es Glück oder Pech, dass der Termin mitten in die Pandemie fiel?

Na ja, beides eigentlich. Natürlich gab es Probleme mit Behörden und Lieferanten, die Schwierigkeiten hatten, zu uns zu kommen beziehungsweise uns zu beliefern. Für uns war es aber vielleicht ein Vorteil, dass immer nur drei Kund*innen gleichzeitig in den Laden durften. Das gab uns die Möglichkeit, sehr individuell zu erzählen, wie das unverpackt Einkaufen funktioniert.

Ich dachte eher an den Vorteil, dass die Leute wegen Kontaktbeschränkungen und Home-Office mehr Zeit zum Kochen hatten – und vielleicht auch mehr Muße, ihr Einkaufsverhalten generell zu ändern …

Sicher haben viele Menschen zu ihren Hobbys zurückgefunden, ob es nun Nähen, Stricken oder Kochen ist, wir haben es aber nicht direkt mitgekriegt. Auf jeden Fall waren die Leute sehr glücklich, dass wir trotz Corona aufgemacht haben – auch wenn es aufgrund der ganzen Schwierigkeiten mit Lieferanten und Behörden ein Monat später als geplant war.

Bedeutet der Infektionsschutz in Corona-Zeiten für Unverpacktläden besonders viel Arbeit?

Unverpacktläden haben ohnehin schon ein ausgefeiltes Hygienekonzept nach HACCP,1 wo vor allem ein Risikomanagement und ein damit verbundener Maßnahmenplan im Vordergrund stehen. Auch wenn wir einen leeren Spender mit dem gleichen Produkt befüllen, das vorher drin war, müssen wir den Behälter säubern. Das ist aber schon immer Standard bei Unverpacktläden. Neu ist, dass Abfüllhilfen, wie zum Beispiel Zangen, mit denen du die Waren aus dem Behälter nimmst, nur von einer Person benutzt und dann gereinigt werden.

Was kann man in eurem Unverpacktladen kaufen?

Wir haben eigentlich alles: von Trockenwaren wie Müsli, Nudeln und Körnern über Süßigkeiten, Backzutaten, Getränke, Aufstriche und Milchprodukte bis zur großen Haushaltsabteilung mit Waschmittel, Spülmittel, Seife, Zahnputzpulver, Wattestäbchen, Kondome und so weiter.

Kann man nach einem Monat schon sagen, was besonders stark nachgefragt wird?

Das ist jetzt vielleicht Corona-bedingt, aber wir haben nach einem Monat folgende Top Drei: rote Linsen, Rohrohrzucker und Roggenmehl. Offensichtlich backen viele Leute jetzt ihr eigenes Sauerteigbrot.

Habt ihr als Verkäufer*innen bestimmte Lieblingsprodukte, also Dinge, die wenig Aufwand erfordern, aber guten Umsatz bringen?

Also wir haben in erster Linie Lieblingsprodukte, die uns gut schmecken … Wo man als Inhaber gut aufpassen muss, sie nicht selbst aufzuessen. Unseren Cashewkernen mit Rosmarinwürzung kann ich schwer widerstehen.

Wie werden die Waren in den Unverpacktladen geliefert?

Das hängt von den Lieferanten ab. Die Mühlen, die uns Körner liefern, nutzen als Gebinde Papiersäcke mit 25 Kilo, das ist die größte erhältliche Menge. Es gibt aber auch Produkte wie zum Beispiel Nudeln, die aus Haltbarkeitsgründen in Plastikverpackungen geliefert werden müssen, aber halt in 10- oder 15-Kilo-Verpackungen, was viel Plastik gegenüber den üblichen 500-Gramm-Packungen im Supermarkt einspart.

Kommen Waren auch in Mehrwegverpackungen?

Weil es jetzt schon über 300 Unverpacktläden in Deutschland gibt, die überwiegend auch in einem eigenen Verband2 organisiert sind, führen die Lieferanten langsam Pfandeimer ein. Das funktioniert bei Essig und manchen Ölen ganz gut, aber auch bei Süßigkeiten und Gewürzen. Und es werden immer mehr Produkte.

Sind alle Waren bei euch bio-zertifiziert?

Alle außer einigen, für die es bislang keine Zertifizierung gibt, etwa Salz.

Wird wirklich alles unverpackt verkauft?

Einiges verkaufen wir in Gläsern beziehungsweise Flaschen: Aufstriche, Eingelegtes und ein paar Öle wie zum Beispiel Leinöl oder Kokosöl. Die können nicht aus dem Fass abgefüllt werden, weil sie durch den Kontakt mit der Luft zu schnell ranzig werden. Olivenöl darf wegen Panschereien in der Vergangenheit sogar gar nicht lose verkauft oder abgefüllt werden.3

Sind diese Glasbehälter alle Einweg?

Nein, nicht unbedingt. Säfte, Milch, Jogurt, Sahne und Haferdrinks sind natürlich Mehrweg, Mus teilweise. Öl ist aber leider noch Einweg.

Wächst der Mehrweganteil bei Glasverpackungen?

Würde ich schon sagen. Natürlich gibt es bei Mehrweggläsern nur ein paar Formate, die Hersteller müssen sich also an standardisierte Gläser halten. In diese Richtung wird auch unser Verband noch mehr Druck machen, hoffe ich.

Wie fantasievoll sind die Leute bei den Verpackungen, die sie von zuhause mitbringen?

Da ist wirklich alles dabei, alle machen es anders. Da gibt es die Kundin, die eine Kiste mit vielen Brötchentüten mitbringt, die so lange benutzt werden, bis sie überhaupt nicht mehr halten. Andere haben Gläser oder diese großen Plastikbecher, in denen sonst türkischer Jogurt verkauft wird. Wenn es mehrfach verwendet wird, haben wir ja nichts gegen Plastik.

Kommen die Leute eher zum Großeinkauf oder auch für ein, zwei Sachen?

Da ist alles dabei. Unter der Woche kaufen manche nur ein Handvoll Kekse, bei uns kann man ja auch kleinste Mengen zum Probieren kaufen. Gegen Wochenende hin werden schon eher die Großeinkäufe gemacht. Die meisten Kund*innen kommen auf jeden Fall aus der Nachbarschaft, aus Friedrichshagen, Schöneiche und so. Einige aber auch aus Karlshorst oder vom Plänterwald, da fährt man schon ein Stückchen mit dem Fahrrad oder der S-Bahn.

Ein Unverpacktladen in Friedrichshagen klingt erst einmal mutig, so weit außerhalb der Innenstadt.

Wir haben uns natürlich schon Gedanken gemacht und sind zum Schluss gekommen: wenn in dieser Region, dann in der Bölschestraße. Schließlich gibt es hier schon zwei Biosupermärkte, die natürlich eine Standortanalyse gemacht haben. Wenn es sich für die rechnet, dann ist auch für uns etwas drin; zumal wir nicht nur bio, sondern eben auch unverpackt anbieten. Es gibt hier auf jeden Fall eine bewusst einkaufende Kundschaft.

Kann ich mir als Kunde auch was wünschen?

Ja. Wir haben noch ein paar leere Behälter, auf denen „Wünsch dir was“ steht. Da wird bestimmt noch was ins Sortiment kommen.

Foto: Christian Kielmann, Interview: Sebastian Petrich

unverpackt berlin

Bölschestraße 120, 12587 Berlin-Friedrichshagen

Mo-Fr 9:30–18 Uhr, Sa 9:30–13 Uhr

www.unverpackt-berlin.com