Zero Waste Blog: Die falsche Selbstgewissheit

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Deutschland steht im Recycling hervorragend da, glauben viele Menschen. Aber stimmt das auch? Und wenn ja: Ist die stoffliche Verwertung überhaupt eine sinnvolle Sache?

Beim Fußball ist die Sache klar. Europa- oder Weltmeister wird nur, wer das Turnier gewinnt. Und all die Fans der anderen Mannschaften, die überzeugt waren, ihr Team würde den Titel holen, müssen sich eines Besseren belehren lassen. In anderen Disziplinen fehlen die öffentlich ausgetragenen Wettbewerbe, sodass weniger Klarheit darüber herrscht, wer Weltmeisterin ist und wer nicht. Beispielsweise im Umweltschutz. Immer noch sind viele Bundesbürger*innen davon überzeugt, Deutschland sei Klimaschutzweltmeister oder doch zumindest Recyclingweltmeister. Woher der Glaube an deutsche Spitzenleistungen im Klimaschutz kommt, ist völlig unklar.[1] Nicht einmal die Bundesregierung, die ihre für 2020 gesteckten, wenig ambitionierten Zwischenziele nur dank des coronabedingten Rückgangs des CO2-Ausstoßes erreichte, war so dreist, eine Spitzenposition für sich zu beanspruchen. Beim Thema Recycling sind es – Überraschung! – Funktionär*innen der Abfallwirtschaft, die sich überzeugt-optimistisch äußern. So behauptete beispielsweise 2018 der Präsident des Bundesverbands der Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE), der ehemalige CDU-Politiker Peter Kurth: „Deutschland ist Recyclingweltmeister“.[2] Was ist da dran? Schauen wir uns doch einmal an, was an Abfall in Deutschland überhaupt zusammenkommt.

Laut Umweltbundesamt (UBA) betrug das Brutto-Abfallaufkommen 2018 in Deutschland 417 Millionen Tonnen. Mehr als die Hälfte davon, nämlich 228 Millionen Tonnen, entfällt auf Bau- und Abbruchabfälle,[3] von denen so gut wie nichts recycelt wird.[4] Der Rest stammt aus Abfällen aus Produktion und Gewerbe (55 Millionen Tonnen), Abfällen aus Abfallbehandlungsanlagen (ebenfalls 55 Millionen Tonnen), Abfällen aus der Gewinnung und Behandlung von Bodenschätzen (29 Millionen Tonnen) und schließlich aus 50 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle – also aus dem, was die meisten Leute meinen, wenn sie von Abfall reden. Die Siedlungsabfälle wiederum verteilen sich wiederum auf folgende Fraktionen (Anteile gerundet): 30 Prozent Hausmüll und hausmüllähnliche Gewerbeabfälle (Restmüll), 17 Prozent Papier und Pappe, 12 Prozent gemischte Verpackungen und Wertstoffe, 12 Prozent Gartenabfälle, 10 Prozent Abfälle aus der Biotonne, 6 Prozent Sperrmüll, 6 Prozent Altglas, 5 Prozent sonstige Abfälle (Verbundstoffe, Metalle, Textilien) und 2 Prozent Elektrogeräte.[5]

Papier-Recycling funktioniert

Welche Sorte Müll meint der Entsorgungsbranchen-Cheflobbyist Kurth, wenn er von weltmeisterlichem Recycling spricht? Einigermaßen gut funktioniert das Recycling bei Papier und Pappe. 2019 lag die Altpapiereinsatzquote bei 78 Prozent;[6] bei der Produktion von einem Kilo Papier oder Pappe kamen also 780 Gramm recyceltes Papier zum Einsatz. Hier dürfte Deutschland tatsächlich weltweit führend sein. Daten von 2013 zeigen, dass nur China ebenfalls die Marke von 70 Prozent knapp erreichte, der EU-Schnitt lag bei etwas über 50 Prozent, der weltweite Durchschnittswert lag bei knapp 60 Prozent, Tendenz steigend.[7] Allerdings verbraucht kaum ein Land pro Kopf so viel Papier und Pappe wie Deutschland – aber nicht, weil besonders viel gelesen, sondern weil besonders viel eingepackt wird.[8] Papier kann allerdings nicht beliebig oft recycelt werden, sondern nur sechs bis acht Mal. Je nach Verwendungszweck muss ein gewisser Anteil Frischfasern zugefügt werden. Das bedeutet, dass die Papierindustrie viel Zellstoff benötigt, der wiederum aus Holz gewonnen wird. Und Holz ist nicht endlos verfügbar, zumal wir Wälder auch als CO2-Senke und als Orte der Biodiversität brauchen. Der BUND sagt dazu: Auch Papierverpackungen müssen sparsam eingesetzt und so lange wie möglich benutzt werden – Papier darf nicht das nächste Plastik werden!

Bei Glas geht noch mehr

Auch beim Altglas sieht es tendenziell gut aus. Vom Verpackungsglas, also den in Glascontainern gesammelten Einwegflaschen und -gläsern wird seit Jahren beständig über 80 Prozent recycelt.[9] Das liegt über dem EU-Schnitt von 74 Prozent und erst recht deutlich über dem geschätzten globalen Durchschnittswert von 31 Prozent. Länder wie Schweden, Belgien und Slowenien erreichen allerdings Werte um 95 Prozent.[10] Angesichts der hohen Energieeinsparung, die das Wiedereinschmelzen gegenüber der Neuproduktion von Glas hat,[11] sollte das Altglasrecycling in Deutschland aber dennoch verbessert werden. Die Schwachpunkte liegen nicht im eigentlichen Recyclingprozess, sondern im Sammelsystem. Umso wichtiger ist es, das Berliner System der Altglashoftonne zu verteidigen. Die Hoftonne ist in Gefahr, weil das in Berlin für die Altglasentsorgung zuständige Unternehmen Duales System Deutschland in immer mehr Bezirken die flächendeckende haushaltnahe Altglassammlung durch einige wenige Glascontainer im öffentlichen Raum ersetzen will.[12]

Wird Restmüll die neue Kohle?

Das war es aber auch schon mit den Pluspunkten. Eine Recyclingquote von genau null Prozent erreicht Deutschland bei der größten Fraktion des Siedlungsabfalls, beim Restmüll. Seit dem Deponierungsverbot von Restmüll 2005 wird nahezu der ganze Restmüll verbrannt. Ob dies unter energetischer Verwertung oder Beseitigung in den Statistiken auftaucht, ist lediglich eine Frage des Heizwerts. Das Problem daran: Müllverbrennung ist alles andere als klimaneutral. Im Restmüll stecken allen Trennungsbemühungen zum Trotz immer noch viele Kunststoffe, die aus Erdöl hergestellt wurden. Werden diese verbrannt, so setzen sie Treibhausgase frei. Statt den Restmüll als Brennstoff der Zukunft einzuplanen, wie dies der rot-rot-grüne Senat von Berlin derzeit tut, muss sein Aufkommen drastisch reduziert werden.[13]

Verbranntes Plastik gilt als recycelt

Gänzlich absurd wird die Recycling-Weltmeister-Erzählung, wenn wir Plastikabfall betrachten. Laut UBA werden über 99 Prozent der Kunststoffabfälle verwertet.[14] Das schließt aber die „energetische Verwertung“, wie die Verbrennung euphemistisch genannt wird, mit ein. Der 2019 erschienene Plastikatlas von BUND und Heinrich-Böll-Stiftung dokumentiert, was mit den Kunststoffabfällen tatsächlich passiert.[15] Von den 5,2 Millionen Tonnen Plastikmüll, die 2017 in Haushalten und Gewerbe angefallen sind, wanderten 3,15 Millionen Tonnen direkt in die Verbrennungsöfen und 0,03 Millionen Tonnen auf Deponien. Von den übrigen 2,02 Millionen Tonnen, die zur „stofflichen Verwertung“ vorgesehen waren, gingen 0,71 Prozent ins Ausland. Ob wirklich zum Recycling, wie in den Exportpapieren eingetragen, ist nicht nachzuvollziehen. Seit China 2018 den Import von Plastikmüll verbot, gehen die meisten Plastikmüllexporte aus Deutschland nach Malaysia und von dort nicht selten in den Indischen Ozean.[16] Von den nicht exportierten Plastikabfällen dienten 1,26 Millionen Tonnen als Input für Recyclinganlagen, der Output von Rezyklat betrug aber lediglich 0,9 Millionen Tonnen, der Rest wurde wiederum verbrannt. Zieht man vom Rezyklat noch 0,09 Millionen Tonnen ab, die ins Ausland exportiert wurden, so beträgt die tatsächlich recycelte Plastikmenge noch 0,81 Millionen Tonnen. Das sind 15,6 Prozent des gesamten Plastikabfalls. Doch der ist keineswegs zu allem zu gebrauchen – nur die Hälfte davon (7,8 Prozent) ist qualitativ mit neu produziertem Kunststoff zu vergleichen.

Zu wenig Ehrgeiz und falsche Disziplin

Fazit: Vom Welt- oder wenigstens Europameistertitel im Recycling ist Deutschland weit entfernt. Aber lohnt sich – um in der Sportsprache zu bleiben – überhaupt mehr Training? Der ganze Wettbewerb „Recycling im globalen Vergleich“ lässt es doch deutlich an Niveau fehlen. Und an Sinnhaftigkeit. Schließlich ist es unvermeidbar, dass im Recyclingprozess Energie und Rohstoffe verloren gehen. Viel besser wäre es, sich an der Abfallhierarchie zu orientieren, die im Kreislaufwirtschaftsgesetz festgeschrieben ist: Vermeidung, Wiederverwendung, stoffliche Verwertung (Recycling), sonstige Verwertung (energetische Nutzung, Verfüllung), Beseitigung.[17] Nicht ohne Grund wird diese Hierarchie oft als eine auf der Spitze stehende Abfallpyramide dargestellt. Ganz oben thront als breites Fundament das Vermeiden von Abfällen jeder Art. In dieser Disziplin sollte um die Meisterschaft gekämpft werden.

 

[1] https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-fuer-die-klimarettung-steht-ein-gut-sortierter-instrumentenkoffer-bereit/24684492.html?ticket=ST-14255338-rfXxfmG2AbfhWU0qwjrA-ap4

[2] https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/recycling-patente-deutschland-fuerchtet-chinas-konkurrenz-a-1206777.html

[3] https://www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/abfallaufkommen#deutschlands-abfall

[4] https://www.remap-berlin.de/blog/zero-waste-blog/116

[5] https://www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/abfallaufkommen#siedlungsabfalle-haushaltstypische-siedlungsabfalle

[6] https://www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/verwertung-entsorgung-ausgewaehlter-abfallarten/altpapier#vom-papier-zum-altpapier

[7] https://www.vivis.de/wp-content/uploads/RuR9/2016_RuR_545-556_Tempel

[8] https://www.remap-berlin.de/blog/zero-waste-blog/97

[9] https://www.umweltbundesamt.de/verpackungsglas#verwertung-und-produktion-in-deutschland

[10] https://www.recovery-worldwide.com/en/artikel/glass-recycling-current-market-trends_3248774.html

[11] https://www.remap-berlin.de/blog/zero-waste-blog/76

[12] https://www.remap-berlin.de/blog/zero-waste-blog/114

[13] https://www.remap-berlin.de/blog/zero-waste-blog/117

[14] https://www.umweltbundesamt.de/daten/ressourcen-abfall/verwertung-entsorgung-ausgewaehlter-abfallarten/kunststoffabfaelle#kunststoffe-produktion-verwendung-und-verwertung

[15] https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/chemie/chemie_plastikatlas_2019.pdf, dort Seite 36

[16] https://www.dw.com/de/wieso-deutscher-m%C3%BCll-eben-doch-im-meer-landet/a-47198039

[17] https://www.gesetze-im-internet.de/krwg/__6.html