Zero Waste Blog: Abfall ist keine Frage des Datums

Rund die Hälfte der Lebensmittel, die die privaten Haushalte in den Müll schmeißen, wäre vermeidbar. Dazu müsste man nur ein bisschen besser planen und sich die Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums verdeutlichen.

Das politische Leben der Bundesrepublik folgt seinem eigenen Kalender. Mitte bis Ende Januar genießen Essen und Landwirtschaft besondere Aufmerksamkeit. Dann demonstrieren im Vorfeld der Grünen Woche in Berlin Zehntausende für einen ökologischen Umbau der Landwirtschaft,[1] während die zuständige Ministerin betont, wie super alles bei der Nahrungsmittelproduktion läuft. In den Mittelpunkt ihres ersten Auftritts bei der Grünen Woche rückte Julia Klöckner das Wohlfühlthema Digitalisierung.[2] Da durfte auch nicht der Hinweis fehlen, dass die gemessen an den Downloadzahlen erfolgreichste App der Bundesregierung aus ihrem Hause stammt.[3] Es handelt sich um die Zu-gut-für-die-Tonne!-App,[4] auf der 550 Rezepte von Sterneköch*innen und anderen Promis Ideen für Resteessen liefern. Die App ist Teil einer Kampagne,[5] die dafür sorgen soll, dass weniger Lebensmittel im Abfall landen.

Das ist dringend nötig, schließlich landen jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle in der Tonne.[6] Einer WWF-Studie zufolge sind die Privathaushalte für 39 Prozente der weggeschmissenen Lebensmittel verantwortlich, gefolgt von Großverbrauchern wie Restaurants und Kantinen (19 Prozent). Auf das Konto des Groß- und Einzelhandels, der lebensmittelverarbeitenden Industrie und der landwirtschaftlichen Betriebe (während und nach der Ernte) gehen jeweils 14 Prozent der Verluste. Klar: Gewisse Abfälle lassen sich bei der Essenzubereitung nicht vermeiden, etwa Obst- und Gemüseschalen, Kaffeesatz und Knochen. Doch rund 60 Prozent der Lebensmittelabfälle in Privathaushalten haben einfach nur mit schlechtem Wirtschaften zu tun.[7]

Risikofaktor Großeinkauf

Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat 2016/17 6.000 Haushalte dokumentieren lassen, wann und warum sie welche Lebensmittel weggeschmissen haben.[8] Ergebnis: Den größten Teil der vermeidbaren Lebensmittelabfälle machen frisches Obst und Gemüse (jeweils 17 Prozent), gekochtes Essen (16 Prozent) und Backwaren aus.[9] Als Gründe für das Wegwerfen nennen die teilnehmenden Haushalte vor allem „verdorben“ (37 Prozent), „zu viel gekocht“ (18 Prozent) „unappetitlich/alt“ (15 Prozent).[10] All diese Fälle können letztlich durch optimierte Planung vermieden werden: häufiger und in kleineren Mengen einkaufen, den Überblick im Kühlschrank behalten, bereits Gekauftes in die Essenplanung einbeziehen, durch den Transport leicht beschädigtes Obst und Gemüse schnell verbrauchen.

Wenn es trotz guter Vorsätze mit der guten Planung noch nicht so richtig funktioniert hat, ist das kein Grund, Lebensmittel wegzuwerfen. Überreifes Obst lässt sich hervorragend zu Marmelade oder Kuchen weiterverarbeiten, verschrumpeltes Gemüse schmeckt gegrillt hervorragend und für hartes Brot kannten unsere Vorfahren Hunderte Rezepte zur schmackhaften Verwertung. Vor allem müssen wir unser Verständnis von „verdorben“ hinterfragen.

Kein Wegwerfbefehl, nur ein Haftungsausschluss

Bei 7 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel gaben die Teilnehmer*innen der GfK-Studie an, die Produkte aufgrund des überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) entsorgt zu haben. Das ist in der Regel völlig unnötig, zumindest aber voreilig. Im Gegensatz zum Verbrauchsdatum, nach dessen Ablauf schnell verderbliche Waren wie rohes Fleisch oder Fisch auf keinen Fall mehr verzehrt werden sollen, das MHD ist nichts weiter als ein gesetzlich vorgeschriebenes Garantieversprechen der Hersteller. Bis zu diesem Datum gewährleisten sie, dass ihr Produkt alle Eigenschaften hat, die man von ihm erwarten darf. Dass ab null Uhr des Folgetags der Verderb einsetzt, ist damit nicht gemeint. Ungenießbar werden die Lebensmittel je nach Produkt erst Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre später. Wenn überhaupt. Salz beispielsweise hält sich bei richtiger Lagerung ewig – dennoch ist es mit einem MHD versehen.

Hartnäckig hält sich im Sprachgebrauch der Ausdruck, die Milch im Kühlschrank sei abgelaufen, obwohl in Wirklichkeit nur ihr MHD abgelaufen ist. Einer aktuellen Befragung zufolge halten 79 Prozent der Bundesbürger*innen das MHD für wichtig oder sogar sehr wichtig.[11] Dabei gibt es eine Instanz, der wir viel mehr in Sachen Haltbarkeit vertrauen sollten: unsere eigene Sinneswahrnehmung. Im Interview mit der BUNDzeit schildert Viktoria Trotno, Qualitätsprüferin der Berliner Rettermärkte Sirplus, welche Rolle das Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten bei der Beurteilung von Lebensmitteln spielen.[12]

Foto: U.S. Department of Agriculture, BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0