Zero Waste Blog: Schief gewickelt

Wegwerfwindeln aus Papier sind für riesige Abfallmengen verantwortlich. Neuerdings gibt es einige aufsehenerregende Ideen, wie sie recycelt werden könnten. Viel besser aber ist eine uralte Methode, die diesen Müll komplett vermeidet.

Das Leben beginnt – mit einem Haufen Müll. Bis sie trocken werden, verbrauchen Babys und Kleinkinder durchschnittlich um die vier Windeln täglich. Das summiert sich bundesweit auf 1,3 Milliarden Windeln für einen Jahrgang Neugeborener. Die meisten benutzten Windeln landen in der Restmülltonne, um dann verbrannt zu werden – samt allen darin enthaltenen Wertstoffen wie Plastik, Superabsorber und Zellulose. Nach einer repräsentativen Umfrage unter Eltern mit Kindern im Wickelalter nutzen nur 7 Prozent wiederverwendbare Stoffwindeln, während 41 Prozent das grundsätzlich ablehnen.[1] Im Gegensatz zu weiteren 20 Prozent, die noch nicht darüber nachgedacht haben, geben immerhin 21 Prozent der Befragten an, sich schon über Stoffwindeln informiert, diese aber noch nicht getestet zu haben.

Diese Umfrage zeigt: Wegwerfwindeln haben eine Vormachtstellung, aber sie ist nicht in Stein gemeißelt. Gut so, schließlich machen in manchen Kommunen Deutschlands gebrauchte Papierwindeln rund ein Zehntel des Restmüllaufkommens aus.[2] Der rheinland-pfälzische Kreis Ahrweiler hat 2018 sogar eine eigene Tonne für Windelabfälle eingeführt, die sogenannte Pflegetonne.[3] Wer es sich partout nicht vorstellen kann, die benutzten Windeln selbst zu waschen, könnte einen Windelservice in Anspruch nehmen.[4] Dabei helfen diverse Infoseiten.[5]

Klimaaspekte, Kompost, Katzenstreu

Und wenn man trotz aller Umwelt- und Kostenvorteile keine Lust hat, Windeln wiederzuverwenden? Einige Vorstöße aus Wissenschaft und Wirtschaft versuchen, die Wegwerfwindeln ein bisschen ökologischer zu machen, etwa durch Biogasgewinnung aus Windeln[6] oder Windeln aus überwiegend pflanzlichen Materialien, deren Verbrennung weitgehend CO2-neutral ist.[7] Daneben gibt es auch Initiativen, die einen geschlossenen Windelkreislauf etablieren wollen, also Windeln entwickeln, die komplett zu Humus umgewandelt werden.[8] Da dieser Prozess auch Wert auf die durch die Kompostierung entstehenden Substrate legt, kann hier auch von einem Kreislauf gesprochen werden.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich mit Procter & Gamble auch der Platzhirsch der Windelbranche mit dem Müllproblem. Der Konzern, dessen Marke Pampers einen Marktanteil von gut 70 Prozent hat, hat im norditalienischen Treviso Ende 2018 die weltweit erste Recyclinganlage für Papierwindeln eröffnet.[9] Mit heißem Dampf werden die gebrauchten Windeln erst sterilisiert und dann in Einzelteile zerlegt, sodass sich der enthaltene Kunststoff zu neuen Plastikprodukten recyceln lässt. Die saugfähige Zellulose wird zu Katzenstreu verarbeitet. Mit einer Kapazität von 10.000 Tonnen im Jahr kann die Fabrik in Treviso Windelabfälle eines Ballungsraums mit einer Million Einwohner*innen recyceln.[10] Wollte man dieses Verfahren flächendeckend übernehmen, müssten in Deutschland also mindestens 80 vergleichbare Anlagen gebaut werden. Das wäre sicherlich machbar. Viel schwieriger sind die damit zusammenhängenden logistischen Fragen. Bei Krankenhäusern, Kitas und Altenheimen mag eine Sammlung funktionieren. Aber bei Privathaushalten, gerade auch im ländlichen Raum?

Oder einfach ohne?

Wesentlich einfacher und ökologisch sinnvoller dürfte die auf den ersten Blick radikal wirkende Variante sein: gar keine Windeln nutzen. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, die Signale von Neugeborenen und Kleinkindern zu verstehen, dass sie mal müssen – und ihnen dann schnell ein Töpfchen hinzuhalten.[11] In Europa und Nordamerika mögen windelfreie Babys die Ausnahme sein, global gesehen sind sie die Regel. In China beispielsweise tragen gerade einmal 6 Prozent der Babys Einwegwindeln.[12] Stattdessen sind Schlitzhosen, sogenannte Kaidangku, Standard.[13]

Übrigens: Diese Woche feiert man in China und im Rest Ostasiens Neujahr, es beginnt das Jahr des Schweins. Das Neujahrsfest läutet traditionell Umorientierungen ein (neuer Job, neue Wohnung etc.). Warum nicht die Gelegenheit nutzen und das chinesische (Nicht-)Wickelsystem übernehmen?

Foto: John Buckler & Kate Smith-Buckler, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0


[4] Derzeit bieten zwei Firmen in Berlin den Service an, saubere Stoffwindeln zu liefern und dreckige abzuholen: https://windelei.de und https://www.windel-nanny.de