Zero Waste Blog: Plastikfasten

Schon zum fünften Mal seit 2014 ruft der BUND zum Plastikfasten[1] auf und von Jahr zu Jahr findet diese Form des vorösterlichen Innehaltens mehr Anklang. Im Lauf der Fastenzeit 2018 erschienen auf Instagram mehr als 1.700 Beiträge unter dem Hashtag #plastikfasten. In der gleichen Zeit erreichte der BUND auf Facebook fast 270.000 Menschen mit Posts zu diesem Thema.

Wer genau den Begriff Plastikfasten erfunden hat, ist nicht bekannt. Der BUND beansprucht hier keine Urheberschaft, freut sich aber, zur Popularität dieser Initiative maßgeblich beigetragen zu haben. Mit Umweltgruppen, Kirchengemeinden, Schulklassen und Privatleuten haben die unterschiedlichsten Akteure den bewussten Umgang mit Kunststoff zum Thema gemacht; übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in verschiedenen anderen europäischen Ländern wie Frankreich[2], Großbritannien[3], Österreich[4] und der Schweiz[5]. Und längst ist das Thema nicht nur länder-, sondern auch religionsübergreifend, wie das Beispiel „Plastikfreier Ramadan“[6] zeigt.

Was bringt das Plastikfasten?

Plastikfasten bietet die Gelegenheit, sich die Problematik rund um Verpackungen und Wegwerf- bzw. Einwegprodukten bewusst zu machen und das eigene Einkaufs- und Verbrauchsverhalten zu analysieren. An welchen Stellen bedeutet das Vermeiden von Plastik einen Verzicht für mich? Brauchen die Produkte, die ich kaufe, wirklich den Schutz, den eine Plastikverpackung verspricht? Welche Alternativen gibt es zu den plastikhaltigen Waren? Bedeutet der Umstieg von Einweg auf Mehrweg tatsächlich mehr Aufwand?

Kein Mensch, der sich ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigt, wird ab Osterdienstag wieder in die alten Konsummuster zurückfallen. Konsequent betrieben geht der Umstieg auf plastikfreies oder plastikarmes Leben erst nach ein paar Wochen erst richtig los – allein schon deshalb, weil schon vorhandene Produkte durchaus aufgebraucht werden sollten (Ausnahme Mikroplastik: Zahnpasta, Kosmetika, Duschgel und Shampoo etc. Produkte mit Mikroplastik empfiehlt der BUND samt Verpackung im Restmüll zu entsorgen, damit die Plastikpartikel nicht ins Wasser gelangen[7]). Die Fastenzeit dient also in erster Linie dazu, auf das Problem Plastik und die dazugehörigen Lösungen hinzuweisen und viele andere Verbraucher*innen zum Nachahmen zu animieren.

Immer mehr Menschen wollen keinen Plastikmüll mehr

Daneben zielt das Plastikfasten auf Wirtschaft und Politik. Wenn Kritik an exzessiven Plastikverpackungen aufkommt, heißt es immer wieder, die Kund*innen wollten es so. Dieser Behauptung gilt es entgegenzutreten – nicht nur mit öffentlichkeitswirksamer Kaufzurückhaltung, sondern auch mit direkten Hinweisen an die Hersteller. Dazu bietet sich die App „ReplacePlastic“[8] von Küste gegen Plastik e. V.[9] an. Mit ihr scannen plastikmüde Verbraucher*innen die Barcodes von Plastikverpackungen, um den Herstellern mitzuteilen, dass sie hier Veränderungsbedarf sehen.

Vor allem muss bei der Politik das Signal ankommen, dass ein „Weiter so“ beim Plastikmüll für immer mehr Menschen nicht akzeptabel ist. Kein Land in Europa hat einen größeren Kunststoffverbrauch: 11,5 Millionen Tonnen Plastik, Tendenz steigend. Das entspricht rund fünf Prozent des weltweiten Plastikverbrauchs; gleichzeitig leben in Deutschland nur 1,1 Prozent der Weltbevölkerung. Gut die Hälfte der jährlich produzierten Plastikmenge landet mehr oder weniger sofort im Müll, nämlich 5,45 Millionen Tonnen jährlich. 1994 belief sich der Kunststoffabfall noch auf 2,8 Millionen Tonnen. Von einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft kann keine Rede sein. Die Bundesregierung geht selbst davon aus, dass die Recyclingqoute bei nur 39 Prozent liegt. Fachleute gehen von einem wesentlich niedrigeren Wert aus. Henning Wilts vom Wuppertal Institut etwa kommt in seiner Berechnung auf gerade einmal 800.000 Tonnen oder  5,6 Prozent.[10] Der große Rest wird exportiert oder „thermisch verwertet“, also verbrannt.

Der Fingerzeig nach Asien macht es sich zu einfach

Welchen Anteil Deutschland am Plastikmüll in den Weltmeeren hat, lässt sich bislang nicht zuverlässig beziffern. Dass er gegen null geht, wie oftmals mit Hinweis auf das weitgehend funktionierende Trennsystem behauptet wird,[11] erscheint unwahrscheinlich. Deutschland exportiert nicht nur plastikhaltige Produkte in alle Welt, sondern auch Plastikabfall, für den hier niemand Verwendung hat. So wurde jüngst bekannt, dass Deutschland allein im ersten Halbjahr 2018 72 Tonnen Plastikmüll nach Malaysia verschiffte.[12] Damit sind wir, der gefühlte Recyclingweltmeister, der viertwichtigste Mülllieferant für die vielen – oft gewässernahen – illegalen Deponien in dem südostasiatischen Staat, der nach dem chinesischen Einfuhrverbot für Kunststoffabfälle zusammen mit dem benachbarten Indonesien immer mehr zum globalen Plastikklo wird.[13]

Und schließlich schmeißen auch in Deutschland immer noch Menschen Plastik (und andere Abfälle) einfach in die Landschaft, das über früher oder später vom Wind ins nächste Fließgewässer und irgendwann ins Meer getragen wird.[14] Vor diesem Hintergrund ist das Anfang des Jahres in Kraft getretene Verpackungsgesetz nicht nur wenig ambitioniert, sondern sogar ein Rückschritt.[15]

Es gibt also viele gute Gründe, 365 Tage im Jahr Plastikfasten zu betreiben.



[7] Dazu muss man natürlich erst einmal wissen, in welchen Produkten die kleinen Plastikpartikel stecken. Das steht im BUND-Einkaufsratgeber „Mikroplastik“: https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/meere_mikroplastik_einkaufsfuehr...