Zero Waste Blog: Europas Müllkolonialismus

Die vom Entwicklungsministerium lancierte Abfall-Allianz PREVENT soll die Kreislaufwirtschaft in Afrika und Asien stärken. Das ist eine gute Sache. Aber warum bloß bleibt ein komisches Gefühl?

Nur wenige Kilometer von den weißen Sandstränden der Atlantikküste entfernt liegt der vielleicht schmutzigste Ort der Welt. Agbogbloshie ist nicht nur ein Viertel der ghanaischen Hauptstadt Accra, sondern auch Arbeitsplatz für 40.000 Menschen, Markt für Edelmetalle und Second-Hand-Elektrogeräte, Hotspot von Reparatur- und Upcyclingwerkstätten[1] – und Sondermülldeponie. Seit den 1990er-Jahren werden ausrangierte Elektrogeräte aus den USA und Westeuropa containerweise nach Ghana verschifft. Funktionierende Geräte kommen auf den Markt, alles andere landet früher oder später in Agbogbloshie.[2] Was sich irgendwie reparieren lässt oder als Ersatzteil taugt, wird aussortiert. Den Rest zerlegen die Müllarbeiter (diese Arbeit übernehmen ausschließlich Männer, während Frauen und Mädchen Essen und Wasser verkaufen). Um an die wertvollen Rohstoffe wie Kupfer, Blei, Aluminium und Eisen zu kommen, zertrümmern sie die defekten Elektrogeräte und verbrennen alles, was mit Plastik umhüllt ist. Deshalb steigt ständig beißender, schwarzer Qualm auf. Fluss und Lagune nebenan sind biologisch tot, viele Menschen leiden unter Atemwegsbeschwerden und Kopfweh.[3] Kein Wunder, dass sich Agbogbloshie den Beinamen Toxic City erworben hat.[4]

Eine Frage der Zolldeklaration

Eigentlich dürften all die defekten Geräte (hauptsächlich Computer und Fernseher) gar nicht mehr nach Agbogbloshie kommen. Europäische Exporteure müssen alle ausgeführten Altgeräte auf ihre Funktionsfähigkeit prüfen. Für Deutschland ist das seit 2015 im Elektrogesetz festgelegt.[5] Außerdem ist Deutschland schon 1995 dem Basler Übereinkommen beigetreten, das den Export von gefährlichen Abfällen reguliert.[6] Dennoch boomt das Geschäft mit dem E-Waste: Zwischen 50 und 100 Containern mit Elektroaltgeräten werden täglich in Tema, dem größten Hafen Ghanas, gelöscht.[7] Enthalten sie Elektromüll oder Secondhandgeräte? In dieser Frage gehen die Schätzungen weit auseinander, zumal einheitliche Standards zur Beurteilung fehlen. Ein Wissenschaftler der University of Chicago schätzte 2010, dass drei von vier nach Ghana exportierten Elektrogeräten irreparabel sind. [8] Die dem Entwicklungsministerium (BMZ) unterstellte Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) geht dagegen nur von 15 Prozent aus.[9]

Klar ist aber in jedem Fall: Europa hat in Agbogbloshie etwas wiedergutzumachen. Folgerichtig baut die GIZ hier ein Recyclingsystem für Elektroschrott auf. Das ist eines von zwei Projekten, mit denen die Anfang Mai gegründete „PREVENT Abfall Allianz“ die Kreislaufwirtschaft zum Thema in der Entwicklungszusammenarbeit machen will.[10] Auf deutscher Seite sind neben dem BMZ unter anderem das Umweltministerium, Nestlé, Grüner Punkt, Remondis, der Gesamtverband Kunststoffverarbeitender Industrie, das Wuppertal-Institut und der WWF dabei; auf Seiten der Entwicklungsländer Ghana und Indonesien (dort fördert das BMZ Sortieranlagen und „moderne“ Deponien).[11]

Was ist von PREVENT zu halten?

Natürlich ist es immer zu begrüßen, wenn sich Fachleute weltweit über Ressourcenschutz austauschen. Vielleicht wird das Recyclingzentrum auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in Agbogbloshie verbessern. Ein fader Beigeschmack aber bleibt. Ist es nicht schlicht zynisch, erst jahrzehntelang ein krasses Wohlstandsgefälle für die Entsorgung von Sondermüll in Entwicklungsländern auszunutzen – und dann mit großer Geste für deutsche Abfallsortieranlagen zu werben?

Eine wirklich nachhaltige Allianz wird PREVENT erst dann, wenn der Wissenstransfer in beide Richtungen stattfindet. Deutschland könnte in Sachen Elektrogeräte eine Menge von Ghana lernen. Denn die brachiale Methode der Rohstoffgewinnung von Agbogbloshie ist nur die eine Seite. Die andere ist: Dinge gebraucht erwerben, konsequent reparieren und so lange verwenden, bis wirklich gar nichts mehr geht. Wie wäre es zum Beispiel mit einem ghanaischen Smartphone-Reparaturzentrum in Berlin?

Foto: Muntaka Chasant, CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)