Zero Waste Blog: Richtige Frage zur falschen Zeit

Minimalismus ist in. Immer mehr Menschen werben dafür, sich von allem zu trennen, das nicht wirklich benötigt wird oder glücklich macht. Doch wie nachhaltig ist dieser Trend wirklich?

Deutschland ist vom Aufräumfieber befallen. So lautet zumindest die Diagnose von Spiegel TV[1], die nicht ganz unplausibel erscheint. Volkshochschulen nehmen Ausmistkurse ins Programm[2], private Aufräumcoaches bieten ihre Dienste an[3] und YouTube quillt geradezu über von Tutorials zum systematischen Aussortieren von Dingen aller Art[4]. Nicht wenige beziehen sich dabei auf Marie Kondō, das japanische Aufräumgenie, das spätestens mit dem Start der Netflix-Serie „Tidying Up with Marie Kondō“ einem sehr breiten Publikum bekannt geworden ist. Die vom Shintoismus beeinflusste studierte Soziologin stellt bei ihren Aufräumeinsätzen immer die gleiche Frage: „Does it spark joy? –Versprüht es Freude?“ [5] – Gegenstände, die weder dringend benötigt werden noch Freude versprühen, sortiert Marie Kondō aus. Allerdings nicht ohne sich bei ihnen zu bedanken. Alles Verbliebene bekommt sofort einen festen Platz und wird möglichst praktisch verstaut beziehungsweise gefaltet.[6]

Ihr Vorgehen nennt sie das KonMari-Prinzip. Fun Fact: Die Tätigkeit aufräumen/ausmisten wird im Englischen mittlerweile mit dem Verb to kondo bezeichnet[7]. Marie Kondō tritt nicht nur in ihrer Serie auf. Sie verkauft auch Bücher und lizenziert und zertifiziert Berater*innen, die in ihrem Namen dem Aufräumbusiness nachgehen dürfen.[8] 252 sind es derzeit (Stand Mitte Juni 2019).[9]

Minimalismus als Konsumtreiber?

Je länger man sich mit KonMari oder Minimalismus im Allgemeinen beschäftigt, desto stärker drängt sich der Eindruck auf, dass es nicht bei allen Propagandist*innen um Nachhaltigkeit oder Suffizienz geht. Da ist zum Beispiel die Youtuberin, die vor ihrer Ich-zeige-euch-meine-minimalistisch-aufgeräumte-Wohnung-Tour die Produkte ihres Werbepartners vorstellt.[10] Oder der Modeblog, der mit entwaffnender Ehrlichkeit feststellt, dass all das Aufräumen des Kleiderschranks letztlich dazu dient, Platz für Neues zu schaffen.[11] Und auch die Beschränkung auf wenig materiellen Besitz führt nicht zwangsläufig zu einem umweltverträglichen Leben, wie das Beispiel des Schweizer App-Entwicklers zeigt, der nur 64 Gegenstände besitzt. Diese passen in einen eher kleinen Rucksack, was ihm erlaubt, rastlos von einem Kontinent zum nächsten zu fliegen.[12]

Nun ist es allerdings etwas unfair, den besinnungslosen Konsumismus ausgerechnet Marie Kondō anzulasten[13]. Mit „Does it spark joy?“ stellt sie die richtige Frage, allerdings zu spät. Wenn der Ausmistcoach gerufen werden muss, ist der Schaden schon längst eingetreten. Unser Vorschlag: Die nächste Staffel von „Tidying Up with Marie Kondō“ begleitet nicht Aufräumvorgänge, sondern Einkaufs- und Bestellprozesse – hier wäre Minimalismus wirklich angebracht.



[3] Einfach mal „Aufräumcoach“ plus Wohnort in eine beliebige Suchmaschine eingeben …

[4] Am besten nach „Minimalismus“ suchen

[6] Top 10 Fun Facts über Marie Kondō: https://www.youtube.com/watch?v=5R1gGCO3MaA

[10] Name und Link tun hier nichts zur Sache.