Zero Waste Blog: Mehrweg ist mehr wert

Das Recyclingsystem für Altglas funktioniert in Deutschland ziemlich gut. Das darf allerdings nicht dazu führen, dass wir uns zu wenig Gedanken über die Wiederverwendung von Glasbehältern machen. Warum soll sich das Mehrwegsystem auf einige wenige Getränke beschränken?

Plastikmüll ist nach der globalen Erwärmung das Megathema im Umweltschutz geworden. Völlig zu Recht, wie der Anfang Juni von der Heinrich Böll-Stiftung und dem BUND herausgegebene Plastikatlas zeigt.[1] Angesichts der Plastikflut, die zu wesentlichen Teilen unserer Verpackungskultur zu verdanken ist, geht aber gelegentlich unter, dass es auch noch weitere Aspekte im Verpackungswesen gibt, die suboptimal geregelt sind. Sehen wir uns doch einmal Glas als Einwegverpackung an.

Zunächst die positiven Seiten: Anders als bei Konservendosen oder Plastikflaschen muss man sich überhaupt keine Sorgen über gesundheitsschädliche Stoffe machen, die aus der Verpackung in den Inhalt und so in die Nahrungskette gelangen, Stichwort Bisphenol A.[2] Und im Gegensatz zum Plastik, das entgegen den offiziellen Zahlen nur zum kleinsten Teil tatsächlich recycelt wird,[3] kann bei Glas tatsächlich von einer Kreislaufwirtschaft  gesprochen werden. Eingesammeltes Altglas lässt sich prinzipiell unendlich wieder einschmelzen, ohne dass die Qualität leidet, anders als etwa beim Papierrecycling. Nach Angaben des Umweltbundesamts sinkt der Energiebedarf bei der Glasherstellung um zwei bis drei Zehntelprozente je zugeführtem Prozent Altglas.[4] Die Verwertungsquote von Behälterglas (so der Fachbegriff für Flaschen und Gläser, die wir in den Glascontainern entsorgen) liegt seit Jahren stabil bei deutlich über 80 Prozent.[5] Die zur vollständigen Verwertung fehlenden Prozent sind nicht technischen Gegebenheiten, sondern Lücken im Sammelsystem geschuldet. Völlig kontraproduktiv ist daher das Ansinnen des für die Glassammlung verantwortlichen Dualen Systems, Altglastonnen in mehreren Berliner Bezirken aus den Höfen abzuziehen und durch Iglus im Straßenland zu ersetzen.[6]

Glasrecycling ist nicht klimaneutral

Jetzt zum Negativen: Auch wenn eine Tonne Recyclingglas gegenüber neu produziertem Glas über 300 Kilo CO2 eingespart,[7] so muss beim Einschmelzen von Altglas immer noch eine Temperatur von 1500 °C im Ofen herrschen. Kurz: Glasrecycling verhindert Vermüllung, ist aber ganz und gar nicht klimaneutral. Erst die vielfache Wiederbefüllung (bis zu 50 mal) macht Mehrwegglasflaschen zu ökologisch vorteilhaften Behältern.[8]

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum nur Bier, Erfrischungsgetränke, Mineralwasser und in wesentlich geringeren Mengen Milchprodukte in Mehrwegglasbehältern verkauft werden. Im Naturkosthandel, wo es immerhin auch mal Sahne, Essig und Wein in der Mehrwegflasche gibt, scheiterte 1999 der Versuch, ein Mehrwegsystem für kleinere Glasbehälter (zum Beispiel für Brotaufstriche) zu etablieren. Grund: Die Rücklaufquote von 50 Prozent reichte, es hätten mindestens 75 Prozent sein müssen.[9] Zudem war die Biobranche mit einem Marktanteil von damals zwei bis drei Prozent zu klein, um die dazugehörige Infrastruktur (Spülstellen) flächendeckend zu betreiben. Je weiter Mehrwegbehälter durchs Land gefahren werden müssen, desto weniger kommen ihre Vorteile in der Ökobilanz zum Tragen.

Sinnvoll wäre es, wenn sich ein wesentlicher Teil der in Deutschland aktiven Lebensmittelproduzenten auf normierte Glasbehälter und ein gemeinsames Sammelsystem verständigten, ganz so wie es die Getränkehersteller seit Jahrzehnten in der Genossenschaft Deutscher Brunnen[10] tun. In der Zwischenzeit können wir als Konsument*innen neidisch nach Frankreich schauen.[11] Oder aber uns schlau machen, wo es Waren wie Essiggurken, Sauerkraut, Senf und Speiseöl zum Selbsteinfüllen in mitgebrachte Gläser gibt und konsequent die Mehrwegangebote nutzen, die es schon gibt. Auch wenn sie ein paar Cent mehr kosten und ein paar Gramm mehr wiegen.

Foto: HeungSoon/pixabay