Zero Waste Blog: Will das wer oder soll es weg?

Immer mehr Berliner*innen stellen Dinge, die sie nicht mehr haben wollen, in den Hausflur oder auf die Straße. Manches ist brauchbar, anderes eher nicht. Wo genau verläuft die Grenze zwischen nachbarschaftlichem Gütertausch und Vermüllung? Was darf man mit gutem Gewissen rausstellen und was sollte besser zur BSR? Das ist nicht immer so eindeutig. Ein Erfahrungsbericht.

Als ich vor vielen Jahren in meine erste eigene Wohnung (genauer gesagt: ein Zimmer im Studierendenwohnheim Karlshorst) zog, brauchte ich dringend ein Regal, das nichts kosten durfte. Auf der Straße fand ich keines, aber glücklicherweise war da noch mein Schulfreund Thomas. Er absolvierte damals seinen Zivildienst in einem Kinderheim bei Oranienburg und hatte dort Zugang zu jeder Menge Altmetall und einem Schweißgerät. In seinem Zimmer stand ein wunderschönes Regal aus Schrott. So eines wollte ich auch – und mit Hilfe des handwerklich versierten Freunds bekam ich es. Für den Transport nach Berlin lieh ich mir extra ein Auto aus, um dann festzustellen, dass das Regal nicht in den Kofferraum passte. Also in die S-Bahn mit dem Ding (danke an dieser Stelle an meinen damaligen Nachbarn Markus N., genannt Norder, der das sperrige Regal mit mir zur nicht gerade nahen S-Bahn trug und auch nicht die Ruhe verlor, als wir fast die letzte Bahn nach Berlin verpassten).

Auch beim nächsten Umzug musste ich aus Platzgründen mit dem Regal die U-Bahn nehmen. Obwohl solche Erlebnisse Mensch und Möbel zusammenschweißen, war es einige Jahre und Umzüge später Zeit für eine Trennung. Und was macht man mit Schrott? Genau: Man gibt es dem Schrotthändler. Nach ein paar Telefonaten fand sich tatsächlich ein Gewerbetreibender, der das Regal nicht nur abholen, sondern mir sogar noch ein paar Euro zahlen wollte. Das nenne ich eine optimale Verwertungskette! Verabredungsgemäß stand ich am nächsten Morgen kurz vor acht mit dem Regal vor der Haustür und wartete auf den Schrotthändler. Leider vergeblich. Ausgerechnet heute habe man ihm seinen Transporter gestohlen, jammerte der Eisendealer bedingt glaubwürdig, als ich ihn ans Telefon bekam. An eine Abholung sei nicht mehr zu denken.

Matratzen, Kühlschränke, Monitore

An seinen angestammten Platz sollte das Regal auf keinen Fall mehr zurück. Was, wenn ich es nun auf dem Bürgersteig stehen ließe? Ich einigte mich mit mir selbst auf einen Kompromiss: Wenn das Schrottregal in 24 Stunden noch hier steht, bringe ich es zur BSR. Versprochen! Besonders wohl war mir bei diesem Vorgehen allerdings nicht, denn in meiner Neuköllner Wohngegend hat wild entsorgter Sperrmüll nicht gerade Seltenheitswert, um es vorsichtig zu formulieren. Die Leute stellen mit Vorliebe das raus, was garantiert niemand mehr gebrauchen kann: schimmlige Matratzen, uralte Kühlschränke, zertrümmerte Monitore. Oder kommen die brauchbaren Dinge so schnell weg? Erfahrungsgemäß gesellt sich schnell weiterer Müll dazu – was Umweltdelikte betrifft, scheint etwas an der Broken-Window-Theorie[1] dran zu sein. Die Hemmschwelle für das Littering in meiner Straße noch weiter herunterzusetzen, das war eigentlich nicht der Plan.

Umso erleichterter stellte ich gegen Abend des besagten Tages fest, dass das Regal verschwunden war. War es auf dem Weg zum Altmetallhandel oder in einer Nachbarwohnung? Egal, für mich war das Entsorgungsproblem gelöst. Die anfängliche Zufriedenheit wich aber einem Grübeln. Wenn der Gütertausch in der Nachbarschaft so einfach ist, habe ich dann in der Vergangenheit zu viel voreilig weggeworfen, was andere vielleicht noch hätten gebrauchen können?

Vom Wertstoffhof in den Ofen

Zum Beispiel die demontierten Reste des vom Vormieter geerbten Hochbetts. Um sie zur BSR zu fahren, hatte ich mir ein Auto ausgeliehen (überflüssig zu erwähnen, dass ich kaum etwas mehr hasse als Auto fahren in der Stadt). Zurück vom Wertstoffhof fiel mir in unserer Straße ein Holzstapel auf, der meinen Hochbettresten zum Verwechseln ähnlich sah. Meine selbstzufriedene Reaktion: „Ich gehöre nicht zu denen, die Müll auf Straße stellen“. Doch dann wurde der Holzstapel von Tag zu Tag kleiner, bis er gänzlich verschwunden war. Irgendwer hatte also Verwendung für die Bretter von der Straße – während meine Hölzer vom BSR-Wertstoffhof in das BSR-Müllheizkraftwerk wanderten. Klimatechnisch mag es beim nachwachsenden Rohstoff Holz nicht so tragisch sein, wenn er verbrannt wird. Dennoch ist Holz ein hochwertiger Werkstoff, mit dem gerade in Zeiten eines neuen Waldsterbens[2] sorgsam umgegangen werden sollte. Und eines muss man sich immer klar machen: Was erst einmal auf einem Wertstoff- oder Recyclinghof gelandet ist, wird nicht wiederverwendet – auch wenn der Zustand tadellos ist. Im besten Fall werden die Dinge stofflich recycelt, beispielsweise Eisen wieder eingeschmolzen.

Nach diesen Erlebnissen wurde ich mutiger, wenn es darum ging, die Nachbar*innen mit allerlei aussortierten Sachen zu beglücken, während einige Nachbar*innen ebenfalls ins Verschenkbusiness eingestiegen sind. Und siehe da: Fast alles geht weg. Maßgeblich für den erfolgreichen Besitzer*innenwechsel ist aber eine ansprechende Präsentation. Der Gabentisch leert sich schneller und zuverlässiger, wenn Klamotten schön auf Bügeln aufgehängt und Bücher in Kisten gepackt sind und alles aussagekräftig beschriftet ist. Innerhalb des Hauses funktioniert die Verschenkwirtschaft gut, will heißen: total Unbrauchbares war noch nie dabei und die Reste bleiben nicht ewig liegen. Hilfreich ist dabei natürlich, dass die Verschenkgüter nicht dem Wetter ausgesetzt sind.

Sperrmüll als Event

Wie könnten nun mehr Menschen an diesem informellen Gütertausch teilnehmen, ohne dass kaputte, unbrauchbare und möglicherweise sogar gefährliche Sachen wochenlang auf den Bürgersteigen liegen? Ich gehe jede Wette ein, dass regelmäßige kostenlose, öffentlich angekündigte Straßensperrmülltermine in den einzelnen Kiezen sehr hilfreich wären. Dazu eine Kindheitserinnerung: Am Tag vor der Sperrmüllabholung kam immer ordentlich Leben in die Provinzstadt, wenn schräge, eher unbürgerlich aussehende Leute durch das Viertel streiften, um den Sperrmüll durchzusehen und sich alles Mögliche mitzunehmen. Es war ein Paradies für Kinder, wenn auch leider nur ein oder zwei Mal im Jahr.

Vielleicht müsste die BSR bei einem solchen Straßensperrmüll gar nicht so viel einsammeln, weil sich die Leute aus der Nachbarschaft schon bedient haben. Wer weiß, welche Schätze aus Wohnungen und Kellern, die sonst irgendwann auf den Wertstoffhöfen landen und verbrannt werden würden, neue Besitzer*innen finden könnten! Einen Versuch (bzw. mehrere) wäre es sicherlich wert. Selbstverständlich würde ich meinen Beitrag dazu leisten. Ein selbstgeschweißtes Metallregal habe ich zwar nicht mehr im Angebot, dafür aber eine kleine Ikea-Kommode, die mir oben erwähnter Markus N. vor bald einem Vierteljahrhundert vermacht hat (auch dafür noch einmal danke, Norder!) und die niemand aus unserem Haus haben wollte. Auch auf Ebay-Kleinanzeigen und auf dem Tausch- und Verschenkmarkt der BSR[3] fand sie nicht die rechte Aufmerksamkeit. Ein Straßensperrmüll wäre ihre vielleicht letzte Chance.