Zero Waste Blog: Viel Dreck für ein bisschen Spaß

Seit Mitte Juni dürfen elektrische Tretroller, sogenannte E-Scooter in Deutschland fahren. Schon wenige Wochen später ist unstrittig, dass sie die Sicherheitsbilanz im Stadtverkehr verschlechtern. Ob sie wie vom Bundesverkehrsminister versprochen die Leute aus dem Auto locken oder ihnen im Gegenteil das Laufen und Radfahren abgewöhnen, wird derzeit intensiv diskutiert. Ein Problem, das die neuen Roller mit sich bringen, bekommt allerdings noch zu wenig Aufmerksamkeit: die Herstellung und Entsorgung ihrer Lithium-Akkus.

„Das neue Öl ist weiß“, titelte die taz, als sie kürzlich über das Joint-Venture eines bolivianischen Staatsunternehmens und einer schwäbischen Firma berichtete.[1] Im Boden des wirtschaftsschwachen Andenstaats lagern weitgehend unangetastet die größten Lithiumreserven der Welt.[2] Rund neun Millionen Tonnen des Stoffs, aus dem Keramik, Glas, Schmierfette, vor allem aber Batterien und Akkus sind (gut die Hälfte des derzeit geförderten Lithiums geht in ihre Produktion),[3] liegen im ausgetrockneten Salzsee Salar de Uyuni, dem größten der Welt.

Während Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier jubelt, dass sich Deutschland den Zugang zu diesem für die E-Mobilität so wichtigen Rohstoff sichern konnte,[4] herrscht Unklarheit über die Umweltfolgen der Lithiumförderung.[5] Sorgen um Wasser und Vegetation sind aber angebracht. Im benachbarten Chile, wo mit dem Clan des früheren Diktators Auguste Pinochet verbundende Firmen seit Jahren Lithium fördern, ist der Grundwasserspiegel drastisch gesunken, sodass Flüsse versiegten und sogar wüstenerprobte Pflanzen wie der Johannisbrotbaum verdorrten.[6] Dieses Schicksal könnte nun auch der Region um den Salar de Uyuni drohen, die momentan hauptsächlich vom Tourismus lebt.

Kurze Lebensspanne

Welcher Anteil der Lithiumförderung auf das Konto der E-Scooter geht, lässt sich bislang nicht zuverlässig bestimmen. Klar ist aber, dass er unverhältnismäßig hoch ist, weil die Lebensdauer der Roller beziehungsweise ihrer Akkus erschreckend kurz ist. Die Auswertung von Daten aus Louisville (Kentucky), wo die E-Tretroller schon länger unterwegs sind, ergab, dass die durchschnittliche Lebensdauer eines Scooters bei gerade einmal 28 Tagen liegt.[7] Der Scooter mit der längsten Lebensspanne war 112 Tage im Einsatz, nur sieben von insgesamt 129 eingesetzten Rollern überlebten länger als 60 Tage.

Zwei Umstände sind für die kurze Lebensspanne der E-Scooter verantwortlich. Zum einen handelt es sich bei ihnen um billig hergestellte Massenware.[8] Zum anderen aber werden sie fast überall, wo sie zum Einsatz kommen, Opfer von Vandalismus. Ein Instagram-Account aus Portland (Oregon) widmet sich ausschließlich geschrotteten und an den unmöglichsten Orten platzierten Rollern.[9] In Marseille mussten Taucher*innen Dutzende der Gefährte aus dem Hafenbecken bergen, nachdem Kinder sie hineingeworfen hatten.[10] Auch in der Panke wurde schon einer gesichtet (und glücklicherweise herausgezogen).[11] Ob diese Aktion wohl auf Jan Böhmermann zurückging, der (rein scherzhaft, versteht sich) angeregt hatte, „die Dinger“ in die Spree zu werfen?[12]

Brandgefährliche Batterien

Bleibt ein E-Scooter von Vandalismus verschont, hält seine Lithium-Ionen-Batterie 800 bis 1.000 Ladezyklen, so die Einschätzung des Thinktanks Agora Verkehrswende.[13] Was danach mit ihnen geschieht, ist unklar. Eine der großen Rollerfirmen gibt an, sie entsorge die Batterien über ein „Recyclingprogramm mit geschlossenem Kreislauf“[14] – was auch immer das heißen mag. Ein anderer E-Scooter-Verleiher erklärt, er lagere die ausrangierten Akkus und hoffe darauf, dass sich eine Nutzung in anderen Bereichen finden lässt.[15]

Die Abfallwirtschaft dagegen schlägt Alarm: Für sie verschärfen die geschätzten 250.000 E-Scooter in Deutschland das Entsorgungsproblem mit Lithium-Batterien, von denen allein im Jahr 2017 50.643 Tonnen neu in Verkehr gebracht wurden.[16] In Österreich gehen die Entsorger davon aus, dass nur 45 Prozent der Batterien korrekt entsorgt werden. Der Rest liegt, soweit er nicht in Betrieb ist, in Haushalten herum oder kommt in den Restmüll.[17] Demnach kommt rechnerisch auf eine Tonne Restmüll eine falsch entsorgte Lithium-Batterie. Folge: Fast täglich kommt es zu Bränden in Fahrzeugen oder in Entsorgungsanlagen.[18] Der Bundesverband der Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) hat daher ein Pfand in Höhe von 25 Euro für je Roller-Akku ins Spiel gebracht.[19]

Noch wird kaum recycelt

Ein wirtschaftlicher Druck zum Recycling von Lithium-Ionen-Batterien besteht kaum, da eine Verknappung des „neuen Öls“ nicht in Sicht ist.[20] Berechnungen des Öko-Instituts zufolge könnte der Anteil des durch Recycling gewonnenen Lithiums von 10 Prozent im Jahr 2030 auf 40 Prozent im Jahr 2050 steigen.[21] Ähnlich dürftig sieht die Recyclingquote von Kobalt, dem zweiten seltenen Rohstoff der Batterien, aus. Es stammt überwiegend aus der Demokratischen Republik Kongo, wo es unter scheußlichen Bedingungen aus dem Boden geholt wird.[22]

Auf der Elektromobilität ruhen die Hoffnungen, Bewegung von Menschen und Gütern künftig CO2-frei abwickeln zu können. Leider sind die Batterien aber ein weiteres Beispiel einer Technologie, die nicht zu Ende gedacht ist – zwar funktioniert die Produktion, von einer Kreislaufwirtschaft kann aber keine Rede sein. Solange das Recycling nur ein Versprechen ist, sollte das Motto lauten: Leute, fahrt Roller, aber fahrt mit Muskelkraft!