Zero Waste Blog: Müll to go

Die Angewohnheit, dauernd Heißgetränke im Einwegbecher irgendwohin mitzunehmen, hat mittlerweile bizarre Ausmaße angenommen. Allein in Berlin wandern jährlich etwa 170 Millionen Coffee-to-go-Becher nach einmaliger Benutzung in den Müll. Ein Verbot von Einwegbechern wäre selbst für schwer Koffeinabhängige verkraftbar, schließlich mangelt es nicht an Alternativen zum Wegwerfprodukt.

Togo hat wenig Glück mit Kaffee. In dem kleinen westafrikanischen Staat, der auf dem Human Development Index (HDI) der UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) Rang 165 von 189 einnimmt,[1] wird zwar Kaffee angebaut, aber nicht geröstet. Wer in dem schmalen Landstreifen zwischen Ghana und Benin Kaffee ordert, bekommt daher aus Europa importierten und völlig überteuerten Instant-Kaffee.[2] Und als wäre dieses typische postkoloniale Muster noch nicht genug, steht der Begriff to-go (häufig ausgesprochen wie Togo) im Zusammenhang mit Kaffee für Verschwendung, Gedankenlosigkeit und Umweltfrevel.

Aber blicken wir lieber auf Deutschland und sein To-go-Problem. Auf den ersten Blick sieht die Menge der Einweggetränkebecher gar nicht so gigantisch aus. 34 To-go-Becher aus Pappe, Plastik oder einem Gemisch von beidem verbrauchen die Menschen in Deutschland pro Kopf und Jahr, wie das Umweltbundesamt (UBA) in einer neuen Studie errechnen ließ.[3] Aber multipliziert mit der Zahl der Einwohner*innen ergibt dies 2,8 Milliarden Becher. Zusammen mit 1,3 Milliarden Kunststoffdeckeln wiegen die gesamten Einweg-Heißgetränkebecher 28.000 Tonnen – das entspricht dem Gewicht von etwa 18.666 PKW der Firma BMW (Flottendurchschnitt).[4]

Und alles nur für einen Moment

Wie viel Raum wohl 28.000 Tonnen weggeworfene To-go-Becher wohl einnehmen? Auch das hat das UBA errechnet.[5] Es dürften rund 400.000 Kubikmeter jährlich sein. Damit lassen sich 8 Millionen  öffentliche Mülleimer vom „klassischen“ orangenfarbenen 50-Liter-Modell füllen. Verteilt man diesen Müll nach Einwohner*innenzahlen auf die Städte, so ergibt sich, dass Einwegbecher für Heißgetränke zwischen 10 und 15 Prozent des Volumens der etwa 22.000 öffentlichen Mülleimer in Berlin füllen.

Im Vergleich zu den Abfallmengen aus anderen Sektoren, etwa zu den jährlich rund 530.000 Tonnen Kfz-Schrott[6], ist das To-go-Becher-Aufkommen eher klein. Aber es muss die Nutzungsdauer mitberücksichtigt werden. Hier setzt das UBA zehn Minuten pro Heißgetränk an.[7] Wer 34 Einwegbecher-Getränke im Jahr konsumiert, braucht dafür keine sechs Stunden – aber produziert einen Haufen Müll.

Ein Ende der Bechermüllflut ist nicht in Sicht, obwohl Geschmack und Vernunft eindeutig gegen die Einwegkultur sprechen. Was tun? Eine Abgabe auf Einwegbecher wäre eine Möglichkeit, ein komplettes Verbot natürlich auch.

 

Besser im Stehen genossen als im Gehen vergossen

Der Ausstieg aus dem bisherigen To-go-System würde außer ein paar Becherherstellern niemandem weh tun, denn Alternativen zum Einweg- und Wegwerfbecher gibt es schon längst. Zum Beispiel die Thermoskanne, die bereits 1906 patentiert wurde.[8] Oder eben die Mehrwegvariante der To-go-Becher, die an vielen Orten erhältlich ist, wo es auch Kaffee gibt. Auf der Seite Betterworldcup.de haben sich mittlerweile über 1000 gastronomische Betriebe in Berlin registriert, die einen kleinen Rabatt auf den Kaffee gewähren, wenn der eigene Becher mitgebracht wird (Refill-Stationen), und/oder Mehrwegbecher abgeben und annehmen (Recup-Pfandstationen).[9] Und dann gibt es immer noch die Variante „Coffee to stay“ vom ausgedehnten Kaffeehausbesuch bis zum schnellen, aber stilvollen Espresso aus vernünftigen Porzellantassen am Bahnhofsbistro oder Bäckereitresen.

Wie bescheiden das Niveau der gegenwärtigen Kaffeekultur ist, zeigt die folgende Meldung, die uns Ressourcenschutzfans positiv aufgefallen ist. Das Berlin Coffee Festival (noch bis 6. Oktober) weist extra darauf hin, dass es auf seinem gesamten Markt keine Einwegbecher gibt.[10] Wow! Ob bei Weinproben wohl auch der Hinweis üblich ist, dass der Wein nicht in Plastik serviert wird?