Zero Waste Blog: Nicht gerade von Pappe

Kein anderer großer Industriestaat verbraucht so viel Papier wie Deutschland. Wird hierzulande mehr geschrieben und gelesen als anderswo? Wohl kaum. Dafür wird gern und viel verpackt.

Dass die gedruckten Produkte der Buchbranche weniger Absatz finden als in früheren Jahren, ist nicht neu. Vor zehn Jahren verzeichnete der Buchmarkt noch rund 95.000 Neuerscheinungen im Jahr, während es 2017 nur noch 82.000 Titel waren.[1] Dank der hinzugekommenen digitalen Produkte hält sich der Umsatzverlust der Buchbranche allerdings bei einem überschaubaren Prozent gegenüber dem Jahr 2000.[2] Dramatischer ist die Lage auf dem Zeitungsmarkt. Die verkaufte Auflage der Tageszeitung ging in Deutschland von 27,3 Millionen Exemplaren täglich im Jahr 1991 auf 14,1 Millionen täglich 2018 zurück.[3] Auch wenn die Alternativen zum Lesen auf Papier durch den Herstellungsprozess der E-Reader[4] und die Serverbeanspruchung von Online-Content durchaus ihren ökologischen Fußabdruck hinterlassen, so könnte aus Umweltperspektive die Dauerkrise der Printbranche ihre gute Seite haben. Vorausgesetzt natürlich, es wird weniger gedruckt.

Bei den Zeitungen und Zeitschriften ging der jährliche Papierverbrauch doch nur minimal zurück: von 2,0 Millionen Tonnen im Jahr 1990 auf 1,8 Millionen Tonnen zurück – nach einem Rekordverbrauch im Jahr 2000 mit 2,6 Millionen Tonnen (damals hatten Privatisierung von Post und Telekom ebenso wie die Börsengänge etlicher Startupfirmen für einen Werbeboom gesorgt).[5] Fairerweise muss man jedoch anmerken, dass die sogenannte Altpapiereinsatzquote beim Zeitungsdruck bei 106 Prozent liegt, dass für 100 Tonnen Zeitungspapier also 106 Tonnen Altpapier eingesetzt werden.[6]

Weltmeisterlicher Verbrauch

Nun haben wir es aber nicht etwa mit einem leicht zurückgehenden oder stagnierenden, sondern mit einem stark gewachsenen Papierverbrauch zu tun. Nehmen wir wieder das Jahr 1990. Damals verbrauchten die Bundesbürgerinnen 188 Kilogramm Papier pro Kopf und Jahr. Heute liegen wir – nach einem Höchstwert von 274 Kilo 2007 – bei 240 Kilo. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine aktuelle Kleine Anfrage der grünen Bundestagsfraktion hervor.[7] Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland damit einen unrühmlichen Spitzenwert ein. Nur drei EU-Staaten haben einen höheren Pro-Kopf-Verbrauch (Slowenien, Luxemburg und Österreich). Im Ranking der 20 größten Industriestaaten führt die Bundesrepublik sogar unangefochten. Abgeschlagen folgen die USA und Japan mit 210 und 201 Kilo pro Kopf und Jahr.[8] In Großbritannien liegt der Papierverbrauch gerade bei 120 Kilo, in China bei 74 Kilo und in Indien bei 13 Kilo.

Wie kommt es, dass wir in knapp 30 Jahren den Papierverbrauch um ein Drittel gesteigert haben? Und das in Zeiten der Digitalisierung? Der Pro-Kopf-Verbrauch im Sektor Druck-, Presse- und Büropapier ging leicht von 93 auf 90 Kilo zurück. Dafür stiegen die Verbrauchswerte bei den Papierverpackungen stark, nämlich von 69 Kilo (1991) auf 96 Kilo (2016).[9] Treiber dieser Entwicklung ist, wen wundert’s, der Versandhandel. Von 1996 bis 2015 haben sich die Papier-Pappe-Karton-Verpackungen beim „Distanzhandel für private Endverbrauchverbraucher“ mehr als versechsfacht, nämlich von 120.000 Tonnen auf 769.000 Tonnen.[10]

Papier darf nicht das neue Plastik werden

Diese Zahlen berücksichtigen noch nicht die neueste Entwicklung auf dem Verpackungsmarkt. Unter dem Druck der Verbraucher*innen nimmt der Handel mehr und mehr Plastikverpackungen vom Markt. Das ist gut – aber nur solange das Plastik nicht einfach durch Papier ersetzt wird. Genau danach sieht es momentan aber aus.[11] Anders als Plastik richtet Papier zwar längst nicht so viel Schaden in Umwelt an, wenn es in selbige gelangt. Aber der Energieaufwand bei der Herstellung ist noch größer, weswegen die Umweltbilanz bei einmaliger Benutzung sogar noch schlechter ist als beim Kunststoff.

Man kann es nicht oft genug sagen: Einen problematischen Stoff gegen einen etwas weniger problematischen zu tauschen, bringt sehr wenig, solange nicht das Nutzungskonzept grundlegend geändert wird.[12] Im Verpackungswesen bedeutet das, konsequent auf Mehrweg zu setzen. Je länger ein Gegenstand (sei es eine große Transportbox oder die Tragetasche der Endverbraucher*innen) genutzt wird, desto weniger fallen Nachteile bei der Herstellung ins Gewicht. Nebenbei erwähnt: Das gilt auch für Bücher. Weniger kaufen muss nicht weniger lesen bedeuten, schließlich gibt es Bibliotheken, Tauschkisten und Flohmärkte.