Zero Waste Blog: Leihen oder nachfüllen?

Wie lassen sich Einwegverpackungen in möglichst vielen Bereichen durch Mehrweg ersetzen? Wann sind Leihbehältersysteme sinnvoll, wann eher Refill-Modelle? Das hängt von mehreren Faktoren ab. In jedem Fall gilt aber: Die Wirtschaftskreisläufe müssen wieder regionaler werden.

Die Über-Hundertjährigen unter uns werden sich vielleicht daran erinnern. Noch in den 1920er-Jahren schickten nicht wenige Familien ihre Kinder abends ins nächste Wirtshaus, um für die erwachsenen Mitglieder des Haushalts frisches Bier abzapfen und nachhause bringen zu lassen. Nichts weiter als ein paar saubere Gläser und ein Tablett oder ein geeigneter Korb waren dafür nötig. Spätestens mit dem Siegeszug des Kühlschranks in den 1950er-Jahren aber setzten sich die Leihflaschen beim Bierkauf durch. Heute ist Bier das letzte Segment, in dem sich Mehrweg mit einem Anteil von 82 Prozent1 deutlich gegenüber Einweg behauptet. Zumindest gilt das für Deutschland.

Taugt Bier nun als Vorbild für andere Segmente, um Verpackungsmüll einzudämmen? Für andere Getränke mit Sicherheit ja. Dass Mineralwasser und Säfte weit niedrigere Mehrwegquoten haben, liegt vor allem an der Sortimentspolitik der Discounter und Supermärkte und auch an der Faulheit vieler Kund*innen – nicht aber an einer fehlenden Infrastruktur, schließlich existieren seit Jahrzehnten gut funktionierende Poolsysteme wie etwa die Genossenschaft Deutscher Brunnen.2 Und ähnlich wie Bier werden Mineralwässer und Säfte (wie auch Milch und Jogurt) überwiegend regional verkauft, was aufgrund des erheblichen Gewichts von Glas eine wichtige Bedingung für eine akzeptable Ökobilanz ist.3

Der Transport macht den Unterschied

Auf den ersten Blick erscheint es naheliegend, flächendeckend Verpackungen von Einweg auf Mehrweg umzustellen. Offensichtlich ist das bei allem, was in Einweggläsern verkauft wird, etwa Obst- und Gemüsekonserven, Senf, Wein, Essig und Öl. Glas ist zwar eine großartige Verpackung für Lebensmittel und prinzipiell unendlich recycelbar, aber alles andere als klimaneutral in der Herstellung.4 Daher sollte es so oft wiederverwendet werden wie möglich – aber nur in regionalen Kreisläufen.

Wenn aber – beispielsweise – Olivenöl in Griechenland in Mehrwegflaschen abgefüllt, in Deutschland zu verkauft und die Flaschen anschließend zur Wiederbefüllung zurück ans Mittelmeer gekarrt werden, ist aufgrund des weiten Transports für die Umwelt nichts gewonnen. Die Lösung hieße in diesem Fall, das Öl in Fässern bis an den Verkaufsort zu bringen und dort Flasche für Flasche abzufüllen (Fun fact: Ausgerechnet der lose Verkauf von Olivenöl und die Abfüllung am Verkaufsort ist nach einer EU-Verordnung verboten.5 Bis diese in Sachen Müllvermeidung unsinnige Regelung korrigiert ist, ersetzen wir in dem genannten Beispiel griechisches Olivenöl durch italienischen Essig).



Mehr Ware in weniger Verpackung

Je weiter der Transportweg, desto stärker schlägt eine schwere Verpackung negativ zu Buche. Das wiederum bedeutet: Wenn die Waren schon lange Wege zurücklegen müssen, weil es keine regionale Alternative gibt, dann sollten sie mit einem Minimum an Verpackung auskommen. Dies spricht gegen Leihbehälter in haushaltsüblichen Größen und für größere Gebinde, deren Inhalt erst für die „letzte Meile“ kund*innenfreundlich portioniert und in wiederverwendbare kleinere Gefäße umgefüllt wird.

Nach diesem Refill-Prinzip funktionierte nicht nur das Bierholen zu Großmutters Zeiten. Auch die guten alten Wochenmärkte könnten so funktionieren, wenn die die Kund*innen ihre eigenen Behälter mitbrächten. So wie sie es viele Jahrhunderte lang problemlos getan hatten. Dass Menschen aber auch im 21. Jahrhundert dazu fähig sind, mit mitgebrachten Gefäßen einkaufen zu gehen, zeigt die wachsende Zahl von Unverpacktläden: In Friedrichshagen öffnete Anfang Mai der inzwischen vierte Unverpacktladen Berlins,6 zwei weitere gibt es in Potsdam.

Einkaufen als Notwendigkeit, nicht als Hobby

Teuer und umständlich: Diese Begriffe fallen oft, wenn die Rede von Unverpacktläden ist. Ganz falsch ist das nicht, aber auch nicht ganz richtig. Natürlich kann und will kein Unverpacktladen preislich mit Discountern konkurrieren, schließlich sollen die Waren nach Möglichkeit in Bio-Qualität und fair gehandelt sein. Das kostet nun einmal. Außerdem fällt die Rechnung mitunter deshalb etwas höher aus, weil Kund*innen lang haltbare Waren in größeren Mengen kaufen. Warum bei Salz, Nudeln oder Essig nicht etwas mehr kaufen, wenn es in den mitgebrachten Behälter passt? Bei den Preisen gibt es allerdings Hoffnung: Zumindest etwas günstiger werden die Unverpacktläden, je mehr es von ihnen gibt, weil sie Synergien im Einkauf nutzen können.

Zutreffend ist auch, dass der Einkauf im Unverpacktladen eine gewisse Planung erfordert: Was will ich genau und welche Gefäße brauche ich dafür? Spontane Einkäufe beschränken sich dann auf das, was in den einen Stoffbeutel passt, den man ohnehin dabei hat. Da das ganze Wirtschaftssystem aber eher an einem Zuviel als einem Zuwenig krankt, könnte es aber ein Teil der Lösung sein, wesentlich mehr Zeit als bisher für die Konsumplanung zu verwenden. Wenn dann äußere Umstände den Einkauf begrenzen, ist das eher hilfreich. Beispiel Allzweckreiniger: Die mitgebrachte Flasche zu befüllen, dauert ein bisschen, je nach Größe. Und während dieser Zeit sollte die Konzentration nicht nachlassen, weil sonst Schaum an Händen und Flasche klebt. Öfter als nötig will das niemand machen.

Refill bald in jedem Drogeriemarkt?

Apropos Putzmittel: Dass es so wie bisher mit den Plastikeinwegverpackungen nicht weitergehen kann, spricht sich allmählich auch im Handel herum. Zwei große Drogeriemärkte testen derzeit, wie Kund*innen damit zurechtkommen, Wasch- und Spülmittel selbst im Laden abzufüllen. Allerdings tun sie das nicht in Deutschland, sondern in Tschechien und Österreich.7

Auch im boomenden Kosmetik-Sektor setzen die Hersteller weniger auf Pfand-, sondern lieber auf Refill-Systeme.8 Die Nachfüllangebote diverser Hersteller sind sicherlich ein Fortschritt gegenüber den heutigen Wegwerfverpackungen, aber immer noch mit dem Schönheitsfehler behaftet, dass sie nur im Versandhandel angeboten werden. Bei der Schminke ist es letztlich genauso wie beim Bier: je regionaler, desto ökologischer.