Zero Waste Blog: Die Wirtschaft kreiselt zu wenig

Seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten gibt es Gelben Sack, Grünen Punkt und Kreislaufwirtschaftsgesetz. Und allen offiziellen Zahlen zum Trotz sind Recyclingprodukte immer noch ein Nischenphänomen. Das liegt aber nicht nur an Defiziten beim Trennen und Sammeln, sondern auch am mangelnden Designwillen der Hersteller, gerade im Verpackungsbereich.

Es ist ein WC-Frische-Spüler geworden. Mitte März hat der Schuhcreme- und Putzmittelhersteller Werner & Mertz (bekannt unter anderem durch die Marken Erdal und Frosch) das erste Produkt angekündigt, dessen Verpackung vollständig aus Plastikabfällen besteht. Und zwar aus solchen, die ausschließlich aus dem Gelben Sack bzw. in der Gelben Tonne stammen.[1]

Das Besondere an dieser Nachricht ist ihr Zeitpunkt, das Frühjahr 2019. Denn die getrennte Sammlung von Verpackungsabfall zum Zwecke des Recyclings gibt es schon seit 1991. Und auch die Verabschiedung des von Klaus Töpfer initiierten Kreislaufwirtschaftsgesetzes ist mittlerweile vierundzwanzigeinhalb Jahre her.[2] Seit dieser Zeit trennen die meisten Bundesbürger*innen ihren Verpackungsabfall mehrheitlich gewissenhaft. Was gut ist; auch wenn die Trenndisziplin nach Expert*innenmeinung in letzter Zeit schlechter geworden ist.[3] Weniger gut ist hingegen, dass mit dem Trennen der Glaube einhergeht, die Verpackungen würden einem Recyclingprozess zugeführt – so wie es das an Yin & Yang angelehnte Grüne-Punkt-Logo suggeriert. Wenn all die gesammelten Stoffe recycelt werden, wozu dann noch Müll vermeiden?

Amtliche Sprachregelungen vernebeln die Situation

Dazu kommen fragwürdige Begrifflichkeiten. So vermeldete das Umweltbundesamt, es seien im Jahr 2017 99,4 Prozent aller Kunststoffabfälle „stofflich verwertet“ worden. Das schließt allerdings jene 3,24 Millionen Tonnen oder 52,7 Prozent mit ein, die in Müllverbrennungsanlagen, Kraftwerken und Zementfabriken „thermisch verwertet“ wurden.[4] Warum findet dieses Material keine Abnehmer für das Recycling? Das hat vor allem damit zu tun, dass sehr viele Verpackungen nicht aus einem Monomaterial bestehen, sondern aus mehreren verschiedenfarbigen Kunststoffschichten. Das wirkt sich negativ auf Farbe und Transparenz des Rezyklats aus.[5] Aus diesem Grund wurden die erwähnten WC-Frische-Spüler bislang aus alten PET-Flaschen hergestellt, die nicht über den Gelben Sack eingesammelt wurden.

Vom 46,7-Prozent-Rest der Verpackungen, der „werk- und rohstofflich verwertet“ wird, geht das Meiste in den Bausektor.[6] Was dort als Füllmaterial zum Einsatz kommt, kann kein zweites Mal recycelt werden. Dementsprechend bestehen nur rund zwölf Prozent der in Deutschland hergestellten Kunststoffe aus Rezyklaten.[7] Gut funktioniert das Recycling dagegen bei Glas, Metall und Papier, obgleich auch dort die Quoten verbessert werden können.[8] Das Problem mit dem mangelnden Recycling ist freilich ein globales. Der Circularity Gap Report kommt zu dem Befund, dass gerade einmal neun Prozent der weltweiten Warenproduktion auf Kreislaufwirtschaft fußen.[9] Es darf also weiterhin Werbung für das Selbermachen[10], Wiederverwenden[11], Reparieren[12] und ganz allgemein für Suffizienz[13] gemacht werden.



[2] Für die Jüngeren unter uns: Der CDU-Politiker Klaus Töpfer war Amtsvorgänger von Angela Merkel als Umweltministerin unter Helmut Kohl

Foto: Manfred Antranias Zimmer/pixabay