Zero Waste Blog: Mit der Entsorgung fangen die Sorgen richtig an

Die Berliner*innen produzieren ähnlich viel Abfall wie der Bundesdurchschnitt, schmeißen aber viel mehr in die Restmülltonnen. Der Weg zur Zero-Waste-(Haupt)Stadt führt deshalb über viel, viel mehr Abfallberatung.

Im Koalitionsvertrag von 2016[1] haben es die Regierenden von Rot-Rot-Grün festgehalten: „Die Restabfallmenge in den grauen Tonnen soll drastisch reduziert werden“. Wie nötig das ist, zeigt ein Blick in die Berliner Stoffstrom-, Klimagas- und Umweltbilanz 2016.[2] Aus ihr geht hervor, dass die Menschen in Berlin mit 340,5 Kilogramm pro Kopf zwar etwas weniger Abfall produzieren als im Bundesdurchschnitt (342 Kilo). Aber sie trennen wesentlich weniger.

Durchschnittlich 229 Kilogramm Abfall schmeißt die Berliner Durchschnittsperson pro Jahr in die graue Restmülltonne, die in die „energetische Verwertung“ geht, bundesweit sind es nur 158. Bei den getrennt gesammelten Rohstoffen kommt in Berlin entsprechend weniger zusammen als im Rest des Landes (bundesweite Werte in Klammern): 47 Kilo Papier (69 Kilo), 21 Kilo Bioabfall (59 Kilo), 18,5 Kilo Altglas (23) und 25 Kilo Plastik und Metall in der Gelben Tonne (33). Das gleiche Muster zeigt sich beim Sperrmüll: 22 Kilo pro Person und Jahr, davon 4 Kilo Elektroschrott (Bundesschnitt: 37 Kilo, davon 7 Kilo Elektroschrott).

Ersatzbrennstoff Müll

Folge der mangelnden Abfallkompetenz: Wertvolle Rohstoffe gehen bei der Verbrennung mitsamt ihren besonderen Eigenschaften und der in sie investierten Energie unwiderruflich verloren. Wer nun argumentiert, der Restmüll stelle einen geeigneten Ersatz für die Kohle dar, übersieht gleich mehrere Probleme. Zum einen sind nicht wenige irregulär im Restmüll entsorgte Abfälle fossilen Ursprungs, zum Beispiel Kunststoffe (8,3 Prozent des Berliner Restmüllaufkommens) und Verbundstoffe (5 Prozent), wodurch die Klimabilanz nicht wesentlich besser wird. Zum anderen vermindern etliche Stoffe die Energieausbeute in der Müllverbrennungsanlage. Das gilt vor allem für organische Stoffe, die sage und schreibe 43,7 Gewichtsprozent des Berliner Restmülls ausmachen.[3] Besser aufgehoben als im Restmüllofen ist die Organik in einer Biogasanlage, wo sie zu klimaneutralem Brennstoff verarbeitet wird.[4]

Vorbild Ljubljana

Abgesehen von der Hennickendorfer Kompostierungsanlage sind die Anlagen, in die der Berliner Abfall wandert (Biogasanlage Ruhleben, Müllheizkraftwerk Ruhleben, Verpackungsmaterialsortieranlage Mahlsdorf), auf einem guten technischen Stand. An ihnen liegt es nicht, wenn die Berliner Abfallbilanz mau aussieht. Investiert werden muss jetzt in die Abfallberatung, damit all die Wertstoffe nicht mehr im Restmüll landen. Wie das funktioniert, hat Ljubljana gezeigt: In der slowenischen Hauptstadt gelang es mit Sensibilisierungskampagnen, den Anteil des Restmülls innerhalb weniger Jahre auf 121 Kilogramm zu senken.[5] Und die Slowen*innen machen weiter: Bis 2025 soll dieser Anteil auf 60 Kilo sinken.[6]

Ohne Geld funktioniert es nicht

Wer soll die Müllaufklärungsarbeit übernehmen? Die BSR, die durchaus gute eigene Werbematerialen hat, kann diese riesige Aufgabe nicht allein schultern. Und Pilotprojekte – wie zum Beispiel die Abfallberatung, die der BUND seit Jahren organisiert[7] – reichen einfach nicht aus. Der Senat muss endlich mit einer großflächigen Abfallberatung beginnen. Beziehungsweise sie bezahlen! Zentrale Botschaft der Abfallberatung darf aber nicht nur sein, welcher Stoff in welche Tonne gehört. Vielmehr gilt es zu vermitteln, dass mit der Entsorgung des Abfalls die Sorgen erst richtig beginnen, weswegen die Vermeidung oberste Priorität haben muss.

Veranstaltungshinweis: Politischer Salon „Von der Müllmetropole zur Zero-Waste-Hauptstadt“

Mittwoch, 22. Mai 2019, 18–21 Uhr

Sharehaus Refugio, Lenaustraße 3–4, 12047 Berlin (Neukölln)

Es diskutieren: Marion Platta (Die Linke), Georg Kössler (Bündnis 90´die Grünen), Daniel Buchholz (SPD) und Tobias Quast (BUND)

Mehr zu der Veranstaltung unter https://www.remap-berlin.de/projekte/1095



[3] Diese Zahl stammt wie die anderen Zahlen von 2016. Mit der flächendeckenden Einführung der Biotonne dürfte der Anteil des organischen Abfalls im Restmüll im Lauf des Jahres 2019 deutlich zurückgehen.

[4] Kleiner Schönheitsfehler bei der flächendeckenden Einführung der Biotonne im April 2019: Die hervorragend arbeitende Biogasanlage in Ruhleben ist schon voll ausgelastet. Als Ergänzung für die wachsende Menge Bioabfall hat die BSR eine kombinierte Kompostierungs- und Vergärungsanlage im brandenburgischen Hennickendorf erworben, die hinsichtlich ihrer Klimabilanz schlecht abschneidet. Der BUND fordert daher vom Land Berlin, unverzüglich für den Bau einer zweiten Biogasanlage nach Ruhlebener Modell zu sorgen. Mehr dazu unter http://umweltzoneberlin.de/2019/04/01/zu-schade-fuer-den-ofen/