Zero Waste Blog: Zu schnelle Nummern im Modezirkus

Heute geht die Berliner Fashion Week zu Ende. Welche Rolle spielen solche Schauen eigentlich im Instagram-Zeitalter?

Sommerferien? Nicht für die Modewelt! Der Zyklus, in dem die Luxus-Modehäuser neue Kollektionen raushauen, wird immer schneller: Während es bis in die 80er hinein üblicherweise zwei Kollektionen pro Jahr gab, nämlich die Frühjahr-/Sommer-Kollektion und die Herbst-/Winter-Kollektion, sind es mittlerweile bis zu sechs Kollektionen,[1] die die heillos überforderten Designer*innen[2] für ihre Häuser auf den Markt werfen müssen, um relevant zu bleiben und die Gier der Konsument*innen nach Neuem zu befriedigen. Da gibt es die Resort-, die Cruise- und die Pre-Spring-Kollektionen, die Pre-Fall-Kollektion und wie sie alle heißen und sie dienen nichts anderem, als die Lücken zwischen den beiden Hauptkollektionen kommerziell zu nutzen: So kommt die Pre-Fall-Kollektion während des Abverkaufs der Frühjahr-/Sommer-Kollektion, aber vor der Auslieferung der eigentlichen Herbst-/Winter-Kollektion in die Läden, und die Resort- oder Cruise-Kollektion, die sich an die wohlhabenden Kund*innen richtet, die der Kälte entfliehen und den Winter auf St Barth verbringen, ist ab November erhältlich.[3] Schließlich möchte man im Urlaub nicht die Sommerklamotten aus der vergangenen Saison tragen und die eigentliche Frühjahr-/Sommer-Kollektion hängt ja frühestens im Januar im Store!

Wen interessiert das?

Nun könnte man fragen: Wen interessiert das? Wer kauft sich eine Bluse für mehrere hundert oder gar tausend Euro? Nicht viele; nur leider finden die oben genannten Schauen und Präsentationen mit einem wahnsinnigen Social-Media-Spektakel statt.[4] Vermeintlich authentische und nahbare Influencerinnen wie die Deutsche Caro Daur[5] mit einer Follower*innenschaft von fast zwei Millionen werden von den Designer*innen ausgestattet, um auf deren Schauen die aktuellen Looks zu tragen und sie auf ihren Instagram-Accounts zu posten, „Street-Style“-Fotograf*innen promoten die Looks zusätzlich und das ganze potenziert sich zu einer Künstliche-Bedürfnisse-schür-Spirale, die die Fast-Fashion-Riesen wie Zara sich die Hände reiben lässt: Wenige Tage nach den Schauen bieten sie bereits schrottige 1:1-Kopien der Designerteile bzw. komplette Influencer*innen-Looks für ein paar Euro an, damit sich jede*r monatlich neue Sachen kaufen und die alten wegschmeißen kann.[6] Manche Beteiligte sprechen von Demokratisierung der Mode,[7] andere nennen es in ehrlichen Momenten entwürdigend.[8]

Geht Fashion überhaupt nachhaltig?

Von dem gigantischen Müllaufkommen, das mit der Textilproduktion verbunden ist, sprechen aber nur wenige.[9] Ist es dann schon ein Fortschritt, wenn auf der aktuellen Berliner Fashion Week (die im internationalen Vergleich längst nicht mit London, New York und Tiflis mithalten kann, geschweige denn mit Paris und Mailand) ein paar Produkte aus Algen, Brennnesselfasern oder upgecycelten Textilien gezeigt werden und am Rande auch mal Ressourcenschonung und Arbeitsbedingungen Thema[10] ist? Na ja, ein kleiner vielleicht. Der Fehler liegt im System, wenn immer alles neu sein soll.

Zwar gibt es internationale Standards wie das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard), die zumindest zeigen, dass die Auswirkungen der Textilherstellung auch geringer ausfallen können. Aber letztlich liegt es an den Menschen, die die Klamotten tragen, wie lange sie das tun. Der Ressourcenverbrauch und die durch die Fast Fashion entstehenden Müllberge steigen ins Unermessliche, wenn das System sich nicht ändert.

Wer die Abwechslung im Kleiderschrank liebt, hat in einer Stadt wie Berlin unzählige Möglichkeiten, ganz ohne neu kaufen und wegwerfen auszukommen: Flohmärkte, Secondhandläden, Kleidertauschpartys und, und, und … Auf ein relativ neues Angebot sei hier extra hingewiesen, nämlich auf den neuen Textilhafen der Berliner Stadtmission in der Storkower Straße. Der Textilhafen ist Secondhandladen, Upcyclingwerkstatt und Sammelstelle in einem.[11] Wer schon immer einmal wissen wollte, was mit Kleiderspenden passiert, ist dort an der richtigen Adresse.

Foto: Walterlan Papetti, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode